Film Tagebuch

Zurück in die Vernunft

Es heißt zur Vernunft? ZUR Hölle mit Dir, Grammar Nazi. Eigentlich wollte ich über „Zurück in die Zukunft“ schreiben. Das war mein fester Plan, als ich am Mittwochabend durchs Kinofoyer marschierte, vorbei am DeLorean-Nachbau und über einen Schwenk zur Popcorntheke rein ins Kino…

„Back to the future 1-3“ auf großer Leinwand. Yeah. Und es machen so viele mit, dass man sich gar nicht nerdig fühlt. Doch am Ende der Sause – nach Mitternacht – musste ich einsehen, dass ein Serienmarathon daheim, wo man sich in allen denkbaren Positionen irgendwie auf’s Sofa fläzen kann, etwas erträglicher ist, als rund sechs Stunden Kinosessel. Meine Beine haben diese komische Sache gemacht, dass sie kribbeln, wenn man sie anzieht, jucken, wenn man sie streckt, und das Kribbeln und Jucken hoch in den Restkörper schicken, wenn man sie schüttelt. Trotz der Tortur bin ich beim letzten Film sogar ein bisschen eingenickt. Im Showdown. So. Jetzt isses raus. Ist ja nicht so, als gäbe es in der zweiten Hälfte des dritten Aufgusses derselben Story noch irgendwas zu verpassen. Beim Eintreffen der Zeitreise-Lok in der filmischen Gegenwart war ich auch wieder gegenwärtig. Schönes Ende, danke, reicht.

Am nächsten Tag dann Jimmy Kimmels Sendung gesehen – den Auftritt von the real McFly & Brown gefeiert – und abends die 80er-Jahre-Sendung von Jan Böhmermann on top, mit dem Besuch von Zini, dem Wuslon, und MS-DOS Manfred. Ja, statt des Gastes (durfte der überhaupt zwei ganze Sätze sagen?) hätte Böhmi getrost einen Praktikanten von hinter der Bühne herholen und volllabern können, aber hey: Der DeLorean-Einflug war cool genug, um den Gast zu rechtfertigen. Damit reicht’s jetzt aber auch. Jeder weitere „Back to the future“-Post in meinen heutigen Feeds hat mein Future-Toleranz-Fässchen zum Überlaufen gebracht. Der Overkill ist da. Ich hab genug. Darum geht es hier NICHT um „Back to the future“. Ich merk schon. Das klappt ganz toll.

Ich lese gerade „Es hätte auch anders kommen können“ von Alexander Demandt, der ein paar Gedankenspiele rund um alternative Geschichtsforschung vornimmt. Was wäre, wenn die Römer den Arminius besiegt hätten? Wenn Hitler einem Attentat zum Opfer gefallen wäre? Was wäre wenn? Dieser verlixte Konjunktiv, um dessentwillen man so häufig die Gedanken anstrengt, ohne dass es je Früchte getragen hätte. Im größeren Kontext mag es Sinn machen – Demandt rechtfertigt die alternative Geschichtsforschung mit einem tieferen Verständnis der tatsächlichen Geschehnisse – doch für das eigene, persönliche Schicksal… knifflig, knifflig. Man kann nunmal nicht zurückreisen, um etwaige Fehler zu beheben. All die Versuche, einen eigenen flux capacitor zu bauen, sind gescheitert. Okay. Hingenommen. Hilft das konjunktivistische Knobeln denn auch auf das kleine, dumme Leben des Einzelnen heruntergebrochen zu einem tieferen Verständnis des Hier und Jetzt?

Nicht, wenn man bei jeder Zurückverfolgung der Frage „Warum sind die Dinge so gekommen, wie sie gekommen sind?“ beim brasilianischen Schmetterling landet, dessen Flügelschlag einen Tornado in Texas verursacht. Nicht, wenn man den Ball sowieso dem Zufall ins Feld spielen will. Nicht, wenn man die Schuld an allem immer bei allen anderen sucht.

„Wenn’s läuft dann waren’s immer alle, wenn
es nicht läuft immer alle anderen.“ – Großstadtgeflüster (2015)

Total relevantes Zitat. Mh. Der Ohrwurm ist gekommen um zu bleiben, hörste hier. Weiter im Text: Ich glaube, ja, es ist kein sinnloser Verzweiflungsakt, kein nutzloser Müßiggang, wenn man hin und wieder eine gedankliche Auszeit aus der Gegenwart nimmt und sich seines Trampelpfades besinnt. Das scheint mir der treffendste Begriff, fühle ich mich doch die meiste Zeit, wie ein Elefant im Porzellanladen, der sich seinen Weg bahnt und mehr kaputt macht, als auf die Beine stellt. Alligatoah hat gestern noch ein Video hochgeladen – Lass liegen – in dem dieses Gefühl einen passablen, visuellen Ausdruck findet. Ja, na ja, mit Öko-Anstrich und größerer Message, aber sei’s drum. Ist ein Gefühl. Maximal subjektiv. Ich ziehe eine Spur hinter mir her, durch Raum und Zeit, und fühle mich verantwortlich für diese Spur. Zufall und äußere Einflüsse links liegen gelassen. Was wäre, wenn ich dieses oder jenes anders gemacht hätte? Wo wäre ich heute? Was habe ich verpasst? Was ist mir entgangen?

Oder: Was ist mir erspart geblieben? Was hätte alles schiefgehen können? Meine Vernunft sagt mir, das ist der bessere Weg, mit dem Konjunktiv umzugehen. Denn hätte hätte hasse nicht gesehen – es hätte alles schlechter kommen können. Es gibt keine falschen Entscheidungen, weil auch die richtige einen schlechten Ausgang (vielmehr: Zwischstand) nehmen kann. Hängt immer von der Perspektive ab, der zeitlichen Perspektive: Wann schaue ich zurück? Viel Hirnrunzeln hat mir eine Vorstellung vom Wesen der „Vernunft“ abgerungen (wie ich im August schrieb, waren dazu noch Gedankenzüge nötig…). Das Wort erscheint mir – zumindest im Deutschen, dieser „Orgel aller Sprachen“ – nicht umsonst eine Verknüpfung der beiden großen Zeitbegriffe:

Wer die Vergangenheit im Kopf und die Zukunft im Blick behält, der wird vernünftig handeln. Ob richtig, falsch, gut, schlecht, das steht auf einem anderen Blatt. Oh. Printjargon in der Blogosphäre.

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