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xxy does it matter?

„¿Y si no hay nada que elegir?“ / „Was, wenn es da nichts zu wählen gibt?“
– Alex Kraken, 2007

Inés Efron

public domainUnter dem frischen Eindruck eines argentinischen Dramas über Identitätsfindung unter erschwerten Bedingungen („xxy“ von Lucía Puenzo) und angestoßen von einem Beitrag, über den ich kürzlich auf „Papsttreuerblog“ gestolpert bin, möchte ich ein paar Gedanken über Penisse ausformulieren. Stellvertretend für Gender im Allgemeinen. Ein Penis ist das „Problem“ von Alex, einem 15-jährigen Mädchen, das einen hat – zusätzlich zu weiblichen Geschlechtsmerkmalen. In der Natur nennt man das Hermaphroditismus (nach einem Protagonisten der griechischen Mythologie, siehe Bild) und beim Menschen – da machen wir ja gerne einen Unterschied zur anderen (?), normalen (?) Natur – heißt es Intersexualität. Die intersexuelle Alex in „xxy“ weckt mit ihrem verhuschten Verhalten, der Wildheit und dem Bewegungsdrang, Assoziationen zu Mowgli, dem Dschungelkind. Eine Referenz? Ein Kind, verloren im Dschungel. Andere Referenz: Hermaphroditos, besagte intersexuelle Sagenfigur, wurde der Legende – ok… Wikipedia – nach versteckt in Höhlen auf dem Berg Ida großgezogen. Im Alter von 15 Jahren entschied Herm sich, die Höhlen zu verlassen und die Welt kennenzulernen. 15, so alt ist auch Alex, die in einem abgelegenen Haus an der Küste Uruguays ebenfalls mehr oder weniger versteckt gehalten wird, bis… bis was? Bis sie sich für ein Geschlecht entschieden hat. Andernfalls gilt man in unserer Gesellschaft als Freak, wird ausgestoßen, oder begafft, oder bedrängt, oder, oder, lauter blöde Sachen. Alex aber will sich nicht entscheiden.
In einer idealen Welt würden wir – wir alle, wir Menschen – so etwas Intimes wie Genderangelegenheiten jedem Individuum selbst überlassen; und Respekt vor den Entscheidungen des Einzelnen haben, ob diese Person nun einen Penis oder eine Vagina oder beides hat, mit sich zufrieden ist, oder das Geschlecht wechseln möchte. Geht ja heute. Wie Klamotten. Fast. „Nur weil das möglich ist, muss man es doch nicht machen“, höre ich manchmal von Mitmenschen, denen es einfach nicht egal sein will. Es gibt Unmengen anderer Sachen, die gemacht werden, weil sie möglich sind und viel, viel mehr von uns betreffen. Chemiewaffen. Ein Beispiel. Darauf könnten sich die Massen stürzen. Mein Eindruck ist so subjektiv, wie mein Facebook-Feed inzwischen „personalisiert“ ist, aber es kommt mir vor, als stürzen sich besagte Massen viel lieber auf das ganz persönliche, kleine Glück einzelner Menschen – in der Regel, um dagegen zu sein. Homo-Ehe. Transgender. Und in so einer Welt hat es auch Alex schwer. Von einer Toleranz, wie ich sie wirklich gerne irgendwann als allgemein gelebtes Selbstverständnis erleben möchte, sind wir weit entfernt in einer Welt, in der Artgenossen über Sexualität noch solche Predigten ins Web schwemmen:

„Den eigenen Körper zu verschenken, das ist etwas, das wohlüberlegt sein will, die Kenntnis und Akzeptanz des Anderen voraussetzt; ansonsten sind Verletzungen vorprogrammiert! Damit ist also die Sexualität durchaus zu verstehen als der Gipfel einer Beziehung, nicht ein Baustein auf dem Weg dorthin. Darum erscheint die Forderung „Erst die Ehe, dann der Sex“ nicht nur moralisch richtig und im Interesse des Anderen, sondern auch persönlich vernünftig.“ – Papsttreuerblog, Beitrag vom 10. Juli 2015

Das sind drei lange Sätze. Bei jedem davon stellen sich mir sprichwörtlich die Nackenhaare auf. In Satz 1 sind es die Formulierungen „die Kenntnis und Akzeptanz des Anderen“ – ganz selbstverständlich Singular, als sei Gruppensex keine schöne Erfahrung – und „ansonsten sind Verletzungen vorprogrammiert“; oh, bitte! Als wenn das nicht zum Leben dazu gehört. Verletzt werden. Wunden lecken. Draus lernen. Oder eben nicht. Kein vorehelicher Sex aufgrund emotionaler Verletzungsgefahr halte ich für ein himmelschreiend naives Konzept, vor allem im Hinblick auf den nächsten Satz: der Sex als „Gipfel der Beziehung, nicht Baustein auf dem Weg dorthin“ – nun, wenn man Sex in einer Beziehung eine SO hohe Bedeutung beimisst (sollte nicht gegenseitiges Vertrauen oder Immer-füreinander-Dasein oder sowas den Gipfel darstellen?) dann wäre es doch durchaus sinnig, vorher auszuprobieren, ob die Chemie stimmt. Auch und gerade körperlich, weil das nunmal nicht immer nach Lehrbuch läuft (Bei Risiken oder Nebenwirkungen konsultieren Sie den zölibatär lebenden Priester Ihres Vertrauens.). Im Satz 3 wird dann allen Sex-vor-der-Ehe-Praktizierenden persönliche Unvernunft unterstellt. Neben moralischer Verwerflichkeit.

Das finde ich schonmal gar nicht gut. Zwei so wuchtige, alles-und-nichts-sagende Begriffe wie „Moral“ und „Vernunft“ so mir nichts, dir nichts in einen Satz zu packen, um ihn mit Bedeutung zu schwängern. Was ist denn mit Moral gemeint? Was ist denn mit Vernunft gemeint?
Überfall in der Postfiliale. Irgendwie stehe ich am Postschalter plötzlich in der Schusslinie zwischen einer Räuberknarre und einem zitternden Postbeamten. Oder besser: einer zitternden Postbeamtin. Mit drei Kindern und dementer Großmutter. Ich gehe einen Schritt zur Seite, um bloß nicht die Kugel abzufangen. Ist das moralisch richtig? Zweifelhaft. Persönlich vernünftig? Möchte sagen: ja.

Über die Begriffe Moral und Vernunft möchte ich noch ein wenig nachdenken. Ebenso über den nachdenkenswerten Film „xxy“, den ich hiermit empfehlen möchte. Wie würdest Du mit einer intersexuellen Bekanntschaft umgehen? Oder bist Du selbst intersexuell und kannst den einen oder anderen unreifen Gedanken, den ich hier losgeworden bin, als Schwachsinn entlarven? Bitte, bitte, melde dich.

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