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Philosophie 101: Wer war nochmal… Sokrates?

Zuletzt aktualisiert am 26. Mai 2018 um 10:17

Stell dir einen Kumpel vor, der beim gemeinsamen Rumhängen ständig mit Fragen kommt, wie: »Ja, aber was ist das, die Liebe? Was ist das, die Freundschaft? Was ist Mut? Was ist-« »HALT STILL UND TRINK DEIN WEIN!«
So einer, der seine Zeitgenossen durch ständiges Nachhaken auf die Palme bringen konnte (und gelegentlich zum Grübeln anregte), das war Sokrates.

Er ist bekanntlich der, der weiß, dass er nichts weiß. Das weiß man aus Kalendern und Internet-Memes. Ob der Spruch wirklich von ihm ist, ist genauso wenig zu verifizieren, wie sonstwelche der ihm zugeschriebenen Weisheiten. Zugeschrieben hat sie ihm vor allem Platon, ein Schüler des Sokrates, der selbst entweder schreibfaul war oder sein Zeug gut versteckt hat. Bis heute kennen wir Sokrates nur aus den Schriften anderer, bei denen er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat…

Die hohe Stirn eines klugen Mannes, dazu der Text: Wer war nochmal Sokrates?

In Platons Schriften lernen wir Sokrates als bescheidenen Kindskopf kennen, der sich einen Spaß daraus macht, etwaige »Meister ihres Fachs« (Herrscher, Heerführer, Gelehrte) mit ihrer Ahnungslosigkeit im jeweiligen Fach zu konfrontieren, indem er der Sache auf den Grund ging. Nicht selten stieß er, oh Wunder, damit bei seinen Gesprächspartnern auf Gram.

Kallikles: Sage mir, Sokrates, schämst du Dich nicht, in Deinem Alter auf Worte Jagd zu machen, und wenn jemand in einem Worte fehlt, dies für einen großen Fund zu achten? (…)
Sokrates: O! o! Kallikles! Wie boshaft bist Du und gehst mit mir um, wie mit einem Kinde!

Aktuelles aus der Antike

Tatsächlich nimmt Sokrates es mit den Worten sehr genau. Die Dialoge zu lesen ist nicht nur deshalb – wegen scheinbar endlosen Schlagabtausches ob bloßer Begrifflichkeiten – zuweilen ein zähes Unterfangen. Auch prägt die zahlreichen, ausschweifenden Dialoge des Sokrates ein sperriger Stil voller Formalitäten und Sprachbildern, die nicht mehr ganz up to date sind. Doch man bedenke die 2500 Jahre zwischen damals und heute und, na ja, ich hab manchmal schon Schwierigkeiten, meinen Opa zu verstehen, wenn er sein Plattdeutsch quatscht.
Trotzdem finden wir in Platons Werken immer wieder Momente, da Sokrates es schafft, einen Menschen des 21. Jahrhunderts stutzig zu machen:

Sokrates: Denn Du sagtest eben, daß auch in Sachen Gesundheit der Redner mehr Glauben finden würde als der Arzt.
Gorgias: Das sagte ich auch; bei der Menge nämlich. [gemeint ist: beim Volk]
Sokrates: Und nicht wahr, dieses ‚bei der Menge‘ heißt bei denen, die nicht wissen? Denn bei den Wissenden wird er doch nicht mehr Glauben finden als der Arzt?

(aus: Gorgias, oder »Alte Streithähne und leeres Geschwätz«)

What the heck, spricht der da gerade über Pharmalobby oder Trump-Aufstieg oder was?

Das alte Laster

Oder der hier:

Sokrates: (…) sondern als reine Hellenen und nicht als Mischlinge wohnen wir hier. Daher ist der Stadt ein ganz reiner Hass eingegossen gegen fremde Natur.

(aus: Menexenos, oder »Wie man eine ordentliche Totenrede hält.«)

Ja, der gute alte Fremdenhass, schon damals, natürlich, ein bemerkenswertes Laster. Wer sich einen tieferen Einblick in Platons Schriften mit Sokrates als Protagonisten gönnen will: www.opera-platonis.de – Hier gibt es seine gesammelten Werke, verfügbar als PDF. Auf der Website heißt es dazu: »All dies war Lehrmaterial der platonischen Akademie. Es wurde festgehalten zur Unterstützung der Erinnerung.«

Apropos Erinnerung, was bleibt von Sokrates? Inwiefern hat er unser heutiges Denken beeinflusst, ohne, dass wir uns dessen zuweilen bewusst sind? Die Antwort liegt in seiner Herangehensweise an Fragen, die das menschliche Verständnis übersteigen, die Göttliches oder Metaphysisches betreffen – da hatte Sokrates eine Art an sich, die zu einem Bruch in der Geschichte des Sich-Gedanken-Machens führte.

Jenes Höhere Wesen à la Sokrates

[Es folgt ein kleines Philosophie-Exkurs, wem das zu langweilig wird, hier gehts zu einem Video von einem Lagerfeuer an einem Bächlein, biddeschön!]

Wenn Sokrates seine berüchtigten »Was ist… ?«-Fragen stellte, zum Beispiel »Was ist Mut?«, dann bekam er zur Antwort oft sowas wie: »Mut ist, wenn Achilles einen krassen Stunt hinlegt.« Oder so. Doch damit war Sokrates nicht zufrieden, er wollte keine x-beliebigen Beispiele hören. Klar, Mut kann vieles sein: jemanden retten, bekämpfen, rennen oder stehen bleiben, Haltung zeigen, der Mut einer Mutter, eines Demonstranten, einer Journalistin, eines Feuerwehrmanns, eines Hundes, alles Mut. Sokrates wollte nun wissen, was sind die Eigenschaften von Mut, die allen möglichen Einzelfällen identisch sind. Damit wollte er sicherstellen, dass immer dasselbe gemeint war, wenn die Leute von Mut sprachen, eigentlich ne tolle Idee, also nochmal: »Was ist Mut?«

Die neue Denkweise von Sokrates bestand darin, dass er eine solche Frage auf eine allgemeine, definierende Art und Weise beantworten wollte, und nicht exemplarisch. Aber das machte die Sache nicht unbedingt einfacher. Sokrates bemerkte, dass er nicht mehr nach Begriffen suchte, die etwas wie »Mut« erklärten, sondern nach einem zugrundeliegenden, gemeinsamen Prinzip – und dieses musste von anderer Art sein, als sein, als die Welt des Dinglichen, in denen es galt. Mutig sein ist nichts, worauf du mit dem Finger zeigen kannst, wie auf einen Baum, »da, Baum!« – nein, einfach nein! Selbst bei einer Mutter, die ihr Kind aus einem brennenden Haus trägt, kann man nicht sagen, »da, Mut!« Diese Mutter und ihre Handlung sind Ausdruck, also Phänomen, des Mutes, der wiederum die Ursache für ihre Handlung ist. Eine Ursache ist aber nichts Materielles.

Der Weg zur Ideenlehre

Um solche Ursachen zu erklären, helfen unsere Sinne nicht weiter. Wir müssen sie, beschloss Sokrates, durch logisches Denken ersetzen. Auch wenns wehtut:
Eben weil man die Ursachen (etwa von Handlungen, die wir mutig nennen) nicht unmittelbar mit unseren Sinne sehen, hören, riechen, tasten, schmecken kann (das gleiche gilt auch für Dinge, die wir als schön bezeichnen), deshalb soll man sich deswegen Gedanken machen. Erst auf Grundlage dieser Gedanke sei es möglich, die Einzelfälle daraufhin zu prüfen, ob sie wirklich sind, was wir behaupten, dass sie sind. Soweit klar?

Mit dieser neuen Denkweise ebnete Sokrates den Weg für Platons Ideenlehre. Spätestens da stellt sich dann die Frage, ob unser Bewusstsein – jedes »Ich«, also auch Du! – vielleicht tatsächlich einen heißen Draht zu Jenem Höheren Wesen hat.

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