Geschichte Zeit

PREUSSEN & WESTFALEN | Webserie 2018 | Hinter den Kulissen, Tag 1

Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2018 um 16:04

Zwei Menschen Mitte zwanzig begegnen sich in einer Kneipe an der Theke. Sie, eine junge Frau, die Haare zum losen Dutt hochgesteckt, steht dahinter. Er, ein junger Herr mit Hipster-Bart und adrett gekleidet, tritt heran. Dieser Herr bestellt ein Bier bei der Wirtin, lächelt, führt Smalltalk. Worüber mögen die beiden wohl reden, an diesem Abend? Wir schreiben ürigens das Jahr 1871. Herzlich Willkommen auf einer kleinen Zeitreise nach Preussen & Westfalen.

Zeitreise in einer Kneipe

Ein befreundeter Regisseur hat mich zu dieser Zeitreise eingeladen. Los ging’s bereits Anfang dieses Jahres. Da war noch gar nicht klar, wer sich wie und wo begegnen würde. Fest stand: Es soll eine historische Webserie entstehen, die im Westmünsterland spielt und Preussen thematisiert. Ich wurde als Drehbuchautor engagiert, um in diesem vage gesteckten Rahmen ein Bild zu malen. Bildlich gesprochen.

Schauspieler Wolf Danny Homann und Schauspielerin Stephanie Jost aus der Webserie Preussen & Westfalen

Kleine Vorgeschichte

Besagter Regisseur, selbst ein studierter Historiker, ist in derselben Stadt aufgewachsen wie ich – Bocholt. Eine kleine Stadt, eigentlich, doch offensichtlich gerade groß genug, dass sich die Wege zweier junger Kreativer über Jahre des Filmschaffens in dieser Stadt nicht kreuzen. Erst, als wir beide in gegensätzliche Himmelsrichtungen weggezogen waren, haben wir uns irgendwie kennengelernt. Kneipe, Theke, Bierchen, das war auch immer das Setting, in dem wir uns alle paar Monate in der Heimat über aktuelle Projekte austauschten.

Vielleicht war Kneipe, Theke, Bier deshalb meine erste Assoziation, um irgendwie mit den Preussen warm zu werden. Randnotiz: Wenn mein ehemaliger Geschichtslehrer von meinem Engagement als historischer Drehbuchautor lesen würde, beriefe er mich vermutlich zurück in die Schule, um die Oberstufe nochmal Krieg für Krieg und Kanzler für Kanzler durchzugehen. Er hat mir damals – in weiser Voraussicht – von der schriftlichen Abiturprüfung in Geschichte abgeraten. »Mach’s mündlich«, war sein Rat, »dann kriegen wir dich da irgendwie durch.« 

Recherche über Preussen & Westfalen

Einige Jahre später hat sich meine Wissbegier dann doch vom Hier und Jetzt auch ins Damals verlagert. Inzwischen studiere ich an der Fernuniversität Hagen Kulturwissenschaften (hier 5 Vor- und Nachteile eines Fernstudiums). Der Studiengang setzt sich aus den Fächern Literaturwissenschaft, Philosophie und eben Geschichte zusammen. Ein paar Semester tief stecke ich drin – das muss reichen, als Qualifikation für den Drehbuchposten. 

Anfang des Jahres 2018 wälzte ich Bücher und Websites zum Thema Preussen & Westfalen (so übrigens der auch ziemlich pragmatische Titel unserer Webserie). Zur zugrunde liegenden Literatur meiner Recherche gehörten unter anderem folgende Werke – jeweils verlinkt mit dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek:

Diese Bücher halfen mir zu Hintergrund-Wissen, um das Drehbuch für die Webserie Preussen & Westfalen zu schreiben. Die »Zeitreise«, die ich zu Beginn dieses Beitrags großspurig angekündigt habe, führt uns an das Set dieser Webserie. 

Apropos Zeitreise: Am heutigen Tag, dem 14. März, feiern die Japaner noch einmal Valentinstag, wie schon vor einem Monat bereits! Ob es sich dabei um eine kollektive, nationale Zeitreise handelt, oder doch etwas anderes, dsa erfährst du in meinem Valentinstag-Experten-Report.

Als Drehbuchautor am Set

Drehbuchautor*in am Set, das wird tendenziell als ätzend empfunden, wenn Regie und Drehbuch nicht zufällig in einer Person zusammenfallen. Was ja nicht der Fall ist. Meine Duldung am Drehort hängt damit zusammen, dass ich nicht als Drehbuchautor in Erscheinung trete, sondern als Set-Fotograf und Videograf fürs Making-of. Aus dem Schatten heraus knipse und filme ich mit und behalte dabei geflissentlich meinen Senf bei mir.

Abgesehen davon ist jener befreundete Regisseur ohnehin sehr umgänglich und behandelt das Drehbuch, das er als Co-Autor mit betreut hat, so respektvoll wie die Preussen ihr Vaterland. Sein Name ist Mark Lorei. Ein ruhiger, belesener Mann Anfang 30 – und ich bin gespannt, ihm bei der Arbeit als Filmemacher zuzusehen.

Heute fuhr ich also 3 Stunden gen Norden, zur Fachwerkhofanlage Pöpping in Rheine-Elte. Hinterland. Hier stehen ein paar Holzgebälk-Backstein-Bauten in uriger Heimeligkeit beisammen. Kaum traue ich mich, diese Anlage mit einem Automobil zu befahren; rechne mit einer Horde wütender Dorfbewohner*innen, die mir mit Mistgabeln die Reifen durchstechen. Die das knatternde Hexenwerk abfackeln. 

Zeitreise ins Schicksalsjahr

Stattdessen stoße ich in einem von außen verdächtig abgehängten Wirtshaus – schwarzer Molton vor allen Fenstern, na, wenn darin nicht Nachtszenen gedreht werden – auf eine herzliche Crew. Man ist zeitlich im Verzug, hinkt ein bisschen der Dispo hinterher. Unter der großen leuchtenden Softbox, die oben vom Gestänge baumelt, stehen am Tresen jene zwei jungen Menschen Mitte 20, die einander an diesem Ort kennenlernen sollen. Er trägt eine Uniform mit Säbel am Gürtel. Sie eine Schürze und am Halse ein Christuskreuz. Welcher Zeit sind denn die beiden entsprungen?

1871. Das ist das Jahr, in dem die deutschen Staaten den Kriegsgegner Frankreich zurückschlagen. Siegreich kehren junge Soldaten aus dem Westen zurück. Jungs aus Berlin, die sich als stolze Preussen verstehen. Vor wenigen Wochen erst, im Januar, da ist ihr preussischer König Wilhelm I. zum Kaiser proklamiert worden. Kaiser des Deutschen Reiches, das in diesem schicksalhaften Jahr gegründet wurde. Jetzt ist es März. Die Jungs durchqueren auf dem Rückweg in die Heimat Gefilde in Westfalen. An einem – an diesem – Abend, kehren sie in eine Kneipe ein. Und einer von ihnen, Gustav sein Name, bändelt mit der Wirtin an.

Der Soldat Gustav wird von dem Schauspieler Wolf Danny Homann (Sieben Stecknadeln) verkörpert. Die Wirtin spielt Stephanie Jost (AMUREUS KISS) aus Köln – hier eine Fotogalerie zu der Schauspielerin:

Porträt der Schauspielerin Stephanie Jost

Einen Blickwinkel finden

Mit dieser Ausgangssituation haben wir unsere Zeitreise beginnen lassen. Die erste Herausforderung bestand darin, in der langen Geschichte Preußens einen Blickwinkel und eine Blickrichtung zu finden. Denn diese Geschichte zieht sich über Jahrhunderte, ist komplex und wirr und voller einzelner Binnengeschichten, eine spannender als die andere (und ein paar eher langweilig).

Das Jahr 1871 stellt mit der Deutschen Reichsgründung eine derartige Zäsur da, dass wir diesen Einschnitt als Blickwinkel gewählt haben. Und die Blickrichtung für diese kleine Webserie war nach hinten ausgerichtet: In die Vergangenheit, die zum Schicksalsjahr geführt hat.

Hier ein erster Blick hinter die Kulissen von der Webserie Preussen & Westfalen in Bild und Ton, das Making-of:

Der Deutsche-Französische Krieg

Wie so viele historische Einschnitte ging auch dieser mit einem Krieg einher. Der Deutsch-Französische Krieg war es dieses Mal, der von 1870 bis 1871 ausgetragen wurde. Auf der einen Seite stand Frankreich – auf der anderen Seite der Norddeutsche Bund unter der Führung von Preussen. Letzteren haben sich überraschend die süddeutschen Staaten angeschlossen. Aus dieser Allianz bildete sich nach einem raschen Sieg das Deutsche Reich. »Rasch« klingt schwach. Tatsächlich hat dieser Krieg knapp 200.000 Soldatenleben gefordert.

Gefallen ist auch der Ehemann von unserer Wirtin, der jungen Frau hinterm Tresen. Ein fiktiver Gefallener für eine fiktive Geschichte, die sich so, wie wir sie in Preussen & Westfalen erzählen, hundertfach abgespielt haben kann. In den Nachwehen eines Krieges geraten sich Kriegsteilnehmer und -gegner*innen darüber in die Haare, ob der Sieg nun ein Grund zum Feiern ist?

Unsere Wirtin – und Witwe – kann die Laune der jungen Soldaten nicht nachvollziehen. Sie serviert ihnen ihr Bier, hört sie singen und schwafeln und frisst ihren Frust in sich rein. Sie hätte den ganzen Abend den Mund gehalten. Wenn da nicht Gustav wäre, der sie unbedingt kennenlernen möchte. Ihr Name ist Clara.

Wie es mit Gustav und Clara in der Webserie Preussen & Westfalen weitergeht, das erzähle morgen. Inzwischen ist es spät und im Licht der flackernden Kerze in einer sonst dunklen Ecke des Sets wird es auch nicht gemütlicher. Gleich stoßen wir mit Cast und Crew auf den ersten Drehtag an, den Auftakt zu unserer Zeitreise nach anno dunnemals.

Nachtrag: Hier geht es zum Blogbeitrag vom Tag 2 hinter den Kulissen der Webserie Preussen & Westfalen.

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