Tagebuch

Wach bleiben

Die Nacht birgt zwei Schrecken: die Monster, die unterm Bett hervorkriechen (oder zur Tür reinkommen) und die Monster, die schon da sind, im Hirn, dort das Kommando übernehmen, wenn die Gedanken dem Geträumten weichen. Da hilft nur: Schattenlesen. Kopfzerbrechen. Wach bleiben. Angstwache halten.

Film- und Lesetipps: Der Kurzfilm „Monster“ von Jennifer Kent ist ein kleines Warm-Up zu dem Horrorstreifen „The Babadook“ aus 2014, den ich bisher erst einmal in einer muckeligen Dezember-Nacht gesehen habe – nicht oft genug, um all das in dem Film zu sehen, was diese stichhaltige Analyse herausarbeitet.

If it’s in a word, or it’s in a look, you can’t get rid of the Babadook.
– The Babadook (2014)

Ich erinnere mich, als Kind Ungeheuer in den Schatten auf der Gardine gesehen zu haben, wenn die Nacht draußen heller war als drinnen. Musste ich auf Klo, sprang ich so weit wie möglich aus dem Bett, damit mich das Wesen darunter nicht zu packen bekam. Ich stellte mir vor, wie es nach meinen Füßen grabscht, sobald sie den Boden berühren, und mich zu sich zerrt, durch eine Falltür unterm Bett in sein höllengleiches Reich.

Zeichnung der Gruselfigur Babadook, dazu der Schriftzug: Wach bleiben

Die längste Nacht

Doch es gibt nur eine Nacht, die im Gedächtnis bleibt, in der ich aus Angst wach lag – und das nicht wegen der Monster, sondern wegen des Kosovo-Krieges, der 1998/99 die Nachrichten dominierte. Ich war damals 10 Jahre alt und hatte das unbestimmte, panische Gefühl, dass diese Bilder aus dem Fernsehen auch zu uns rüberrollen würden; die Panzer, Soldaten und Waffen. Dabei plagte mich in einer Aprilnacht das banale Dilemma, dass ich eigentlich in kindlicher Vorfreude war, über die neuen Haustiere – kleine Eidechsen in einem Terrarium – die ich bald bekommen würde. Ich fühlte mein so nahes Glück bedroht, hörte Leute von einem möglichen dritten Weltkrieg reden (konnte abgewendet werden, Blunt sei Dank), was sich schrecklich schlimm anhörte, auch ohne eine konkrete Vorstellung vom zweiten oder ersten Weltkrieg. Ich lag mit dem Rücken auf der Matratze, mit dem Hintern an der Wand, die Beine daran hochgestreckt, die Fußsohlen gegen die hölzerne Dachschräge gepresst und grübelte. Die erste schlaflose Nacht, die ich aus meinen Erinnerungen abrufen kann.

Kein Schlaf ist auch keine Lösung. Wenn ich heute wach bleibe, dann nicht aus Angst – sondern wegen zu viel Kaffee, oder weil ich unbedingt noch einen vierstündigen Film zu Ende sehen will. Angst habe ich weiterhin, in luftiger Höhe, nachts im Wald, bei ein paar wenigen Horrorfilmen, vor freilaufenden Raubkatzen, vor mir selbst, immer noch vor dem dritten Weltkrieg und immer noch am meisten davor, dass für all das Gute, das mir widerfahren ist, irgendwann die Abrechnung kommt: Eines Tages schlägt das Leben mir ins Gesicht, tritt mir in die Eier, wirft mich zu Boden. Vielleicht ist es mehr eine böse Ahnung, als echte Angst. Es reicht halt nicht, um wach zu bleiben.
Was für ein absurder Luxus, dass ich mir Angst in Scheiben kaufe. DVDs einschiebe, um mich on demand zu fürchten, wenn mir gerade der Sinn danach steht, nach diesem beklemmenden Gefühl, das ich so leidlich beschreiben kann, weil ich es nicht wirklich kenne.

Im Frühjahr 2015 in einem Städtchen in Westdeutschland, da ist die Welt noch in Ordnung.

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