Tagebuch

Vom Tod einer Taube

Ein fünfminütiges Video über eine sterbende Taube, dazu der Radiohead-Song „Street Spirit (Fade Out)“ in einer Cover-Version von Peter Gabriel. „Cracked eggs, dead birds | Scream as they fight for life„, singt er, und man sieht das übergroße Taubenauge unter einem zuckenden Lid; wildes Geflatter so nah, dass man sich fragt, ob der Vogel an der Kamera befestigt war; später Ameisen, die den Kadaver belagern, zerbeissen und abtragen, bis Gras über die Sache wächst. Ein Wesen stirbt, andere fressen, es grünt, die Welt dreht sich weiter.

Videotipps: Peter Gabriel – Fade Out (A Dove Requiem) Radiohead – Street Spirit (Fade Out)

Von Tieren, Rassen und dem Tod

Was schert mich der Tod einer Taube? Wenn ich an Straßenkadavern vorbeifahre, bewegt mich die Frage, wessen Job es ist, die Reste vom Asphalt zu kratzen? In meiner Jugend habe ich geangelt; habe viele Fische getötet, ohne dass ich davon hätte leben müssen. Als Kind – ich schäme mich ob der Erinnerung, aber es gehört zu den wenigen Sachen, die ich mit Sicherheit weiß – quälte ich das eine oder andere Tier. Frösche in kleinen Behältern halten. Vogelküken, die aus dem Nest gefallen sind, hochwerfen und auffangen, fest überzeugt, davon würden sie fliegen lernen. Kindersünden. Von unserem armen Hamster ganz zu schweigen.

Ich bin weder Vegetarier, noch Veganer, noch achte ich besonders darauf, was ich aus welchem Anbau, aus welcher Aufzucht esse – mir fehlt die Muße dazu; und das, obwohl ich schlimmste Dokumentationen über das Leid der Tiere gesehen habe. Es ist auch nicht so, dass es mich nicht berührt, vielmehr: beschäftigt. Im Gegenteil. Ich kriege dieses Zitat nicht aus dem Kopf:

Auschwitz begins wherever someone looks
at a slaughterhouse and thinks: they’re only animals.”

Theodor W. Adorno soll das gesagt haben (laut dem Internet, diesem schizophrenen Drogenjunkie von der Bushaltestelle). Ich finde, da ist was Wahres dran; die Nationalsozialisten haben mit Rassen argumentiert, dass die eine Menschenrasse lebenswerter sei, als die andere.
Was ist „Rasse“? Menschgemachter Stempel für menschgemachte Zuchtformen domestizierter Lebewesen? Wir sprechen von Hunderassen, das ist okay. Aber Hunde schlachten, das ist nicht okay, gleich welcher Rasse. Sind ja eben auch Lebewesen. Hierzulande. Rinder schlachten, das ist schon okayer. Irgendwas muss ins Burgerbrötchen.

Long story short: Lebewesen, lebende Wesen, die eben leben und deshalb auch sterben können, zu töten, das stellt uns vor ein moralisches Dilemma. Ist so, sollte so sein, wird immer so sein – das macht uns zum Menschen, ebenso wie uns das Töten und Fleischfressen zum Menschen macht. Denke ich. Es ist natürlich. Ja, ja, ja, viele, viele, viele Dinge, die wir heute tun, sind absolut nicht mehr „natürlich“. Wir fahren Fahrrad, statt zu rennen; legen uns in einen Toaster, statt unter die Sonne; sprechen mit kleinen Geräten, statt mit Gesichtern. Wir können uns offensichtlich von der „Natur“ emanzipieren, uns über das Natürliche hinaus weiterentwickeln. Natürlich wäre, bei Hunger mit Werkzeug und/oder Waffen (hört die „Natürlichkeit“ da schon auf?) in den Wald zu gehen. Stattdessen geht’s mit Geld in den Netto; das ist unnatürlich. Sage ich, kaufe Fleisch, beiße rein und sage dann, das sei natürlicher, als Salat zu essen. Meine Argumentation hinkt nicht, sie liegt hilflos am Boden…

Ich nehme an, der Mann, der die Aufnahmen von der Taube gemacht hat, ist der Russe Pavel Ruminov, auf dessen Kanal (www.youtube.com/user/LucasIsGodard) ich über das Video stolperte, vor ein paar Wochen – oder Monaten? Es ist hängengeblieben, dieser Tod eines Artgenossen der „Ratten der Lüfte“. Ich sehe in den Taubenaugen dieselbe Angst, die ich vor meinem eigenen Ende habe. Ob das nun projiziert oder echt oder gut oder schlecht ist…

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