Erfahrungsbericht Musik

theAngelcy im zakk, Düsseldorf | Konzert 2018 | Bericht

Zuletzt aktualisiert am 7. Juni 2018 um 11:46

Als Rotem mit seiner Bande musikalischer Multitalente zurück auf die Bühne kommt, während die Zugabe-Rufe des Publikums im johlenden Applaus aufgehen, versammeln sie sich ganz ruhig hinter die Instrumente. Rotem schließt seine Gitarre an, ohne ein Lächeln, wirkt müde oder nachdenklich oder… man weiß es nicht. Die Band da oben kommt jedenfalls nicht in Partylaune zurück aus dem Backstage-Bereich, in den sie sich vorhin nach furiosem Ausklang zurückgezogen hat. Stattdessen tritt Rotem jetzt ans Mikrofon und sagt, in sattes, rotes Licht getaucht: »Sometimes I think about suicide.« Und singt ein Lied dazu. Shit… was für ein Bruch, denke ich. Dabei ist es schon mein drittes Konzert von theAngelcy, die mich jedes Mal aufs Neue packt, mit ihrer Mischung aus Frohsinn und Melancholie.

Die Menschen müssen weinen

Am Dienstag, 5. Juni trat die israelische Band theAngelcy um 20.30 Uhr im zakk – Zentrum für Kultur und Kommunikation – in Düsseldorf auf. Erst fünf Tage vorher hat Sonia via Facebook Wind davon bekommen. Und das, obwohl die Band schon Mitte Mai ihre aktuelle kleine Deutschland-Tour via Post angekündigt hat. Mit einem Bild von fünf der sechs Musiker*innen beim Fotoshooting mit Selfie-Stick, dazu kurz und knackig die Ansage: »Wir herüberkommen!« Gebrochenes Deutsch, das könnte Frontsänger Rotem Bar Or selbst geschrieben haben. Vor über zehn Jahren reiste er als Straßenmusiker durch Europa, lebte monatelang obdachlos in Frankreich und Deutschland, übernachtete in Parks, nur er und seine Gitarre im Schlafsack.

Von Mai bis November war das. Im November wurde es zu kalt. Also fand ich eine Freundin in Hamburg und blieb erstmal bei ihr. | Rotem Bar Or im Gespräch mit Jule Seibel, David Zimmermann (Philipp, aus dem Englischen übersetzt)

Die Band theAngelcy mit Frontsänger Rotem Bar Or. | Bild: Pierre Veillet

Ein Fall für die Danke-Polizei

Von der Freundin in Hamburg lernte Rotem – das erzählte er beim Konzert in Düsseldorf – deutsche Wörter wie »Penner« oder »Saftsack« (»sack of juice«, übersetzte er für seinen Drummer Udi Naor, »sack of jews!?«, »no!«). Später am Abend fragte Flötist, Klarinettist (und so viel mehr) Uri Marom das Publikum, ob man noch »vielen Dank« sage, oder das altmodisch sei? Oder »Dankeschön« vielleicht? Es werde schon keine »Danke-Polizei« geben, meinte Udi, seinerseits im gebrochenen Deutsch. Die Band hat schon viele Abende hierzulande verbracht. Gesehen habe ich sie zum ersten Mal vor zwei Jahren, im Druckluft in Oberhausen. Damals standen wir, das Publikum, in einem überschaubaren Halbkreis um die Bühne verteilt und erlebten ein wundervoll intimes Konzert, erst von dem belgischen Indie-Pop-Duo Douglas Firs als Vorband, dann von dem erstklassigen Ensemble, das sich theAngelcy nennt. Schon damals mit heiterem Smalltalk und ruppigen Humor zwischen den Liedern.

Hier mein Konzertbericht vom 5. März 2016: Sechs Engel in Oberhausen

Dieses Mal kam theAngelcy ohne Vorband auf die Bühne, und in etwas anderer Besetzung: Den Kontrabass spielte, statt wie bei meinen bisherigen theAngelcy-Konzerterlebnissen (neben Oberhausen sah ich die Band am 21. April 2017 im Treibsand, Lübeck) nicht die Musikerin Gal Maestro, sondern der Mann, der hier kurz dem Konzert rechts neben Drummer Udi in die Kamera lächelt. Nicht.

playing Tonight at #zakkdüsseldorf !!!

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Übrigens: Udi Naor ist auch als Fotograf unterwegs, hier geht es zu seiner Foto-Website.

Der Killer, der Kläger

Zum Auftakt an diesem Abend im gut besuchten zakk spielte die Band den Song Rebel Angel, der vermutlich speziell als Auftakt-Song für Live-Auftritte geschrieben wurde. Rotem Bar Or singt in seiner unverkennbaren Stimme:

I work for the angelcy,
can’t you see how sweet I can be?
I’m a killer,
I kill with words […]

Der selbsternannte Killer ist tatsächlich ein eher pazifistisch anmutender Poet, der in Texten von bemerkenswerter Klarheit seiner Traurigkeit kundtut. Sei es über die Politik des Staates Israel, sei es über den Krieg oder die menschliche Dummheit im Allgemeinen. Neben Liedern ihres Albums Exit Inside (2016) – etwa meinem Lieblingssong Secret Room oder auch People of the Heavens, das mit an Klapperschlangen in Wüsten erinnert – gaben theAngelcy viele neue Stücke zum Besten. Das zweite Album ist in Arbeit, »im Januar kommen wir wieder«, versprach Rotem. In einem der neuen Lieder sang er (sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert):

We don’t need no holy land
We just need a home

Und dass, wenn Menschen ein Land wären, er selbst ein Fluss sein wolle. Zeilen und Bilder wie diese sind es, die dem instrumentalen Feuerwerk, das die sechs großartigen Musiker*innen auf der Bühne abliefern, das Krönchen aufsetzen. Neben Rotem, Udi, Uri und dem Mann am Kontrabass singen und spielen noch Maya Lee Roman als tanzlustige Streicherin und Mayaan Zimry mit. Letztere steht die meiste Zeit mit Udi hinterm Drumset. Wenn sie nach vorne kommt und an Rotems Seite tritt, dann für ein wundervolles Duett: Giant Heart. Die Band kommt als derart eingespieltes, kongeniales Team daher, dass man kaum glauben mag, dass sich diese Konstellation erst vor ein paar Jahren so gefunden hat.

Treu im Variantenreichtum

2010, als Rotem Bar Or nach seinen vier Lehr- und Wanderjahren als Straßenmusiker in Europa (und Asien, laut Deutschlandfunk Kultur) in die Heimat Tel Aviv zurückkehrte, nahm sein Schaffensdrang eine Richtung an. Mithilfe von Freunden und seines damaligen Managers Yaron Gan machte er sich an die Zusammenstellung einer Band. Wer theAngelcy live erlebt, merkt ziemlich deutlich, dass die Ansprüche an die Mitglieder dieser Band-to-be nicht eben niedrig waren. Im Jahr 2011 gab es sie dann endlich, die Band theAngelcy (so übrigens auch die seitens der Künstler*innen gewünschte Schreibweise).

Der Begriff stand lange davor für einen Song-Zyklus, für ein lyrisches und musikalisches Universum des noch obdachlosen und unbekannten Rotem Bar On, ehe daraus der Name seiner Band werden würde. Zwei der sechs Musiker*innen verließen über die vergangenen sieben Jahre das Ensemble und wurden ersetzt, doch im Kern und Klang blieb theAngelcy sich bis heute treu, was auch immer das heißt. Die Musikvideos der Band zum Beispiel könnten stilistisch unterschiedlicher kaum sein. Besonders aus dem Rahmen fällt das Video zum neusten Lied I worry. Es sorgen sich: Ein Mädchen und ein Kampffisch. Oder ein Mädchen über den Kampffisch? Oder nur das Mädchen und der Kampffisch ist ein Symbol für… ach, schaut doch selbst.

Im Interview mit Noemi Schneider (Deutschlandfunk Kultur) gab Rotem Bar On einen für seine Musik bezeichnenden Kommentar ab:

Die Leute haben gesagt: Ich sei talentiert aber, ehrlich gesagt, wenn du jemandem einen Song vorspielst und der sagt dann: »Wow du hast Talent, dass muss im Radio laufen«, dann ist das genau die falsche Reaktion, die richtige Reaktion wäre, wenn die Person weint.

Wie stößt man denn auf theAngelcy?

Bevor Sonia und ich gemeinsame Wege gingen, pflegten wir eine Brieffreundschaft und eine Spotify-Playlist. Darüber führten wir einen Gedankenaustausch, der sich mal im Prosa der Briefe, mal in den Lyrics der Lieder ausdrückte. Für Letzteres stöberten wir nach Songtexten und Stimmungen, um die Zeilen und Rhythmen der oder des Anderen aufzugreifen…

We don’t have to talk, let’s dance | aus: Edward Sharpe’s Better Days, hinzugefügt von mir, eines Tages

Give me touch, cause I’ve been missing it | aus: Daughter’s Touch, hinzugefügt von ihr, am darauffolgenden Tage

Und so weiter. Man muss es sich wie ein musikalisches Ballspiel vorstellen, hin und her und hinhören, welche Botschaft wohl im neuen Lied mitschwingt. Schrecklich romantischer-kitschiger Kram natürlich, aber so stolpert man eben über ein Kollektiv von Musiker*innen, die sich Agentur der Engel nennen. Sonia hat mir ihren Spotify-Fund über das Lied Secret Room näher gebracht, vor ein paar Jahren. Seitdem feiern wir diese Perle von einer Band – und freuen uns auf das nächste Album!

If you want my future, take my painful memories,
if you want my beauty, take my disease,
and if you want my passion, take my violence,
if you want to be with me, take my loneliness,
take it all. | aus: Secret Room


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