Geschichte Sprache

Die Expansion Europas: Sprachen lernen, Welten erobern

»Siempre la lengua fue compañera del imperio« – Sprache war immer die Begleiterin des Imperiums. Mit diesen kryptischen Worten widmete ein Mann namens Antonio de Nebrija die erste gedruckte Grammatik einer europäischen Volkssprache, des Kastillischen, seiner Königin Isabella. Später rückte der Historiker Wolfgang Reinhard das abstrakte Bild de Nebrijas in einen konkreten Rahmen. Seine These: Die europäische Expansion, also das imperiale Streben der Briten, Niederländer, Franzosen, Deutschen, wurde durch die Beherrschung von Sprachen ermöglicht.

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Das Meer, ein endloser Horizont, dazu der Text: Sprachen lernen, Welten erobern

Die europäische Expansion spannte sich über den Zeitraum von de Nebrijas Grammatik – sie erschien 1492, als Kolumbus nach »Indien« (aka Amerika) in See stach – bis hin zu Reinhard. In dessen Studienzeit fiel ein Schlüsseljahr der Dekolonisation, 1960, als die meisten afrikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten. Welche Rolle die Sprachbeherrschung in dieser Epoche spielte, schauen wir uns mal genauer an.

Vorteile der Europäer

Wer die Welt erobern will, muss die Region kennen lernen. In einem Zeitalter ohne Google Translate war Sprachwissen dazu fundamental wichtig. Denn ohne genaue Kenntnis lokaler Mundarten, ohne die Möglichkeit zur Kommunikation mit einheimischen Eliten oder Mittelsmännern, war die Kolonialverwaltung schlichtweg nicht möglich. Die Sprache war eines der wichtigsten Mittel zum Zweck, der meist in Ausbeutung und Machtausweitung lag. Nicht zufällig trägt Reinhards Buch, dem die These entnommen ist, den griffigen Titel Sprachbeherrschung und Weltherrschaft.

Nun verfügten die Europäer zum Auftakt ihrer Expansion bereits über drei wichtige sprachliche Qualitäten:

  1. Sie wussten, wie man Sprachen grammatikalisch auseinanderdröselt und zum Beispiel in einem Lexikon verpackt.
  2. Die Europäer kannten bereits verschiedene Mundarten und Strukturen.
  3. Sie hatten Erfahrung darin, ihre Kenntnisse und Kompetenzen politisch, religiös und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Das Europa damals war sprachlich noch viel heterogener, als wir es heute kennen. Neben Latein als Schriftsprache gab es nicht nur diverse indoeuropäische regionale Mundarten, sondern bereits Austausch mit Außereuropa, sodass strukturell völlig andersartige Sprachen bekannt und – mit dem Baskischen oder Ungarischen – zum Teil gar in Europa geläufig waren. Hinzukommt, dass die christliche Lehre in mehreren Sprachen wurzelte (Hebräisch, Griechisch, das erwähnte Latein) und spross, dank der eifrigen Missionare. Um das Wort Gottes zu verkünden, braucht es die Sprachen der Menschen. Kurz: Die Europäer waren von Haus aus mit sprachlicher Vielfalt und Mehrsprachigkeit vertraut.

Es war einmal… die Vielfalt der Sprachen

Trotzdem wurden ihre »mitgebrachten« Sprachen von den Europäern in der Regel höher geschätzt und überlagerten oder marginalisierten je nach Dauer der kolonialen Herrschaft und Grad der Durchdringung die indigenen Sprachen. Bis hin zu deren totaler Verdrängung. Die Ausbreitung europäischer Sprachen hing von der Zahl europäischer Zuwanderer in eine Kolonie ab. Ebenso, wie das Aussterben indigener Idiome Hand in Hand ging mit der Dezimierung ihrer Sprecher. Das Phänomen der sprachlichen Europäisierung ist aber nicht nur auf kolonialen Druck zurückzuführen. Sie war schlicht praktisch. So, wie das Englische als Weltsprache heutzutage im internationalen Dialog als praktisch empfunden wird. Besagtes Phänomen ist ein fortwährender Prozess. Der läuft, und die Richtung ist ziemlich klar.

Wie der äußere Einfluss auf einen Sprachraum einwirken kann, könnte ihr in diesem Beitrag nachlesen, am Beispiel der Philippinen.

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