Internet Serien

WISHLIST mit Vita Tepel | Webserie 2016 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 9. Juni 2018 um 9:37

Das Internet wurde bekanntlich für beendet erklärt. Was seit September 2016 und dem putzigen Mashup-Trailer von funk im Browser passiert, sind nur noch die Nachwehen eines globalen Phänomens, das uns zwei Jahrzehnte lang die Erfüllung all unserer Träume und Wünsche vorgaukelte. Immerhin, für die Wünsche gibt es seitdem eine App – und die hat ihre eigene Webserie: Wishlist.

Mit Anlauf in den Abgrund

In dem Monat, in dem funk seinen Antritt als Internet-Ablöse via YouTube in die Welt posaunte, gingen auch die ersten Vorboten einer neuen Webserie online. Vor mysteriöser Klangkulisse und zu stylisch-düsteren Bildern fragte eine verführerische Frauenstimme:

Würdest du, um jede Frau der Welt zu kriegen, deinen besten Freund verraten?
Würdest du, um dein eigenes Leben zu retten, ein anderes zerstören?

…und dergleichen mehr, moralische Grundsatzfragen eben, mit denen man je nach der Krassheit des eigenen Lebens mehr oder weniger oft konfrontiert wird. Vorgetragen wurden diese Fragen von einer Stimme, die uns später als Wish wieder begegnen sollte. Sie gehört der Synchronsprecherin, Schauspielerin und Fernseh- und Webvideoproduzentin Christina Ann Zalamea. Bei YouTube auch bekannt als Hello Chrissy. Obwohl Chrissy von der ersten Stunde an mit im Wishlist-Boot sitzt, war es nicht ihr YouTube-Kanal, aus dem die Webserie hervorgegangen ist wie ein Glurak aus einem Glumanda. Um das mal in einer Sprache zu sagen, die jeder versteht.

Hinweis: Liebe Leser*innen, keine Spoiler weit und breit. Hier gibt’s nur ein paar Hintergründe zur Serie und ein paar Beobachtungen zur ersten Folge. Entspannte Lektüre wünsch ich!

Eine weiße Maus in einem Rohr, dazu der Text: Wishlist – Staffel 1

Totale: Wishlist im Zusammenhang

Historischer Kontext

Vor der düsteren Mystery-Serie Wishlist war da eine heitere YouTube-Serie von denselben Machern. Doch selbst die markiert nicht den Anfang, eigentlich. So schmerzhaft die Erkenntnis auch ist, muss man doch feststellen, dass der 99Fire-Films Award der Auslöser war, für… nein, das ist zu schmerzhaft. Ich kann die Berliner Werbeclip-Legebatterie, die sich selbst mehr beweihräuchert, als jeder noch so eifrige Messdiener (bei derselben Scheinheiligkeit), nicht zusätzlich mit Bedeutung aufladen. Also anders: Der 99Fire-Films Award steht nicht am Anfang, sondern ist nur ein (okay, nicht unwesentliches) Glied in einer Verkettung glücklicher Umstände.

AM ANFANG steht vielmehr das Projekt Points of View (2013). Ein Episodenfilm aus 10 Kurzfilmen, von denen Marc Schießer und Marcel Becker-Neu (die Schöpfer der späteren Webserie Wishlist) zwei Filme produziert haben. Als Hauptrollen für Marc Schießers Beitrag Au Pair – einem Thriller über ein Au-Pair-Mädchen in einem etwas menschenfeindlichen Chinarestaurant – wurden die Schauspielerinnen Pia Slomczyk und Yvonne Yung Hee gefunden. Letztere hat in der ersten Staffel von Wishlist eine kurze Appearance.

Gestatten, vivi&denny

Mit Pia Slomczyk und Marcel Becker-Neu vor der Kamera nahm Marc Schießer 2013 also beim 99Fire-Films Award teil. Pia und Marcel spielen darin ein internetsüchtiges Ohne-Koks-wie-auf-Koks-Paar, das heiraten will, es sich aber binnen 99 Sekunden anders überlegt. Der Spaß heißt Willst du mich heiraten? und ist hier zu sehen.

Dieses Paar hatte damals noch keinen Namen, bekam jedoch bald einen + eigene Webserie: vivi&denny. Die produzierten Marc, Marcel und Pia mit filmverrückten Freunden sozusagen »just for fun«, nur halt mit übelstem Aufwand. Darüber lernten sie diverse YouTuber kennen (unter anderem besagte Chrissy) und wurden letztendlich von einer Produktionsfirma entdeckt, die ihnen schließlich die Webserie Wishlist in Auftrag gab.

Persönlicher Kontext

Wie damals bei Points of View verschlug es mich auch bei der ersten Staffel von Wishlist wieder auf die Premiere. Statt nach Wuppertal dieses Mal nach Köln-Ehrenfeld, ins Cinenova. Dort wurden am 26. Oktober 2016 die ersten fünf Episoden präsentiert. Am darauffolgenden Abend ging die erste Folge bei YouTube online, von da an folgten im Wochentakt weitere Uploads. Hier geht’s zur Ankündigung von Radio Bremen zum Serienstart.

Marc Schießer habe ich über ein Kurzfilmprojekt im Jahr 2009 kennengelernt. Seitdem stalke ich ganz gepflegt sein cineastisches Treiben, das inzwischen mit der zweiten Staffel von Wishlist schier irre Dimensionen angenommen hat. Das Stalken macht also zunehmend mehr Spaß.

Close-up: Wishlist im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt der Serie

Wishlist schlägt eine düstere Tonart an, schon im Vorspann. In Detailaufnahmen gleitet die Kamera über ein schwarzes Geschenk, rot verschnürt – dazu ein Score, der sich ins Gedächtnis brennt. Die markante Mucke zu Wishlist, komponiert von Multitalent Marcel Becker-Neu, trägt massiv zur Gesamtwirkung der Serie bei. Temporeich und treibend begleitet der Score die Story. Inzwischen gibt es den Wishlist Soundtrack bei Spotify, hörste hier:

Wishlist beginnt mit einem Augenaufschlag – genau wie vivi&denny. Eine bewusste Referenz? Keine Ahnung, weitere weit weniger zweifelhafte Referenzen werden folgen, also weiter: Wir sehen Schauspielerin Vita Tepel als Mira. Die dauergenervte 17-jährige Hauptfigur der Serie. Nach einer flotten Schnittmontage, die uns Miras ätzendes Leben als Schülerin unter verstrahlten Clowns zusammenfasst, unterlegt von Miras monologisierender Stimme (wiederkehrendes Stilmittel!), spritzt dem Mädchen Blut ins Gesicht.

Der harte Bruch geht über in eine rasante Plansequenz (seltenes Stilmittel!), bei der man mit ein bisschen filmischem Hintergrund nur denkt: Oha, anstrengend! Rennend geht es über ein brachiales Industrie-Gelände, über anderthalb Minuten ohne Schnitt. Krasser Einstieg. Und von da aus geht’s – zack! – Unterwasser ins Schwimmbad. Auch ohne filmischen Hintergrund ist dem Publikum nach drei Minuten klar: Es wird abwechslungsreich.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung der Serie

Die Serie hält, was der Auftakt verspricht. Die Geschichte einer Außenseiterin, die über eine mysteriöse App namens Wishlist zu Freunden und anderen Problemen kommt, nimmt höchstens mal das Tempo raus, kommt aber nie zum Stillstand. Die App erfüllt Wünsche und erteilt Aufgaben. Je größer der Wunsch, desto schwieriger die Aufgabe. Diese simple Idee liefert den Klimax praktisch mit.

Natürlich übertreiben die Jungs und Mädels aus Miras neuer Clique es bald mit der Anwendung. Selbst der ach so nette Typ Dustin (gespielt von Marcel, mit derselben liebenswürdigen Lappenhaftigkeit wie schon sein Seriencharakter Denny) kann dem Reiz der App nicht widerstehen. Ob Denny und Dustin in Wahrheit ein manisch-depressives Zwillingspaar sind, das klärt vielleicht eines gediegenen Tages ein Spin-Off.

Für Fans der Serie vivi&denny gibt es in Wishlist jedenfalls ein paar amüsante Momente. Und sei’s nur das Klingeln eines Handys im Hinterhof. Stilistisch bleiben die Macher sich insofern treu, als natürlich in 4K gedreht wird und es vor starken Kamera-Ideen nur so wimmelt. Faulheit kann man der technischen Umsetzung beim besten Willen nicht unterstellen. Im Gegenteil, die sprichwörtliche »extra mile« ist hier Programm.

Neben der großartigen Kameraarbeit sorgt auch die digitale Überarbeitung dafür, dass die kleine YouTube-Webserie im Look & Feel einer fett-budgetierten Kinoproduktion daherkommt. Hier mal das Showreel des VFX-Supervisors Yannik Heß vom YouTube-Kanal Digital Arts – vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie detailverliebt hinter den Kulissen gearbeitet wird:

Fazit zu Wishlist, Staffel 1

Die Detailverliebtheit ist es, mit der man mich kriegt. Trotz kleiner Logiklücken, auf deren Verpuffung ich mit dem Finale der zweiten Staffel noch hoffe. Die erste Staffel dieser vielversprechenden Serie durchzieht jedenfalls eine qualitative und stilistische Stringenz, die keinen Zweifel an den Ambitionen der Macher dahinter lässt. Die wollen ultra mega heftig abliefern. Was in der Lebenswelt jugendlicher Schüler beginnt, kippt alsbald in das finstere Paralleluniversum menschlicher Abgründe…

Würdest du, um dein eigenes Leben zu retten, ein anderes zerstören?

Wishlist steigt in diese Abgründe hinab – ohne lange zu fackeln. Am Ende der zweiten Episode schon ist der Moment erreicht, da Mira eines klar wird: Die Smartphone-Spielerei mit Wishlist kommt nicht ohne Konsequenzen. Sie macht sich schuldig, in der realen Welt. Diese Erkenntnis trifft die Schülerin, während ihr der Lehrer das Zeugnis in die Hand drückt. »Vorbildlich«, sagt er und nickt anerkennend, »weiter so.«

2017 hat Wishlist den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und den Webvideopreis abgeräumt, insofern kann man auch in Richtung der Macher nur anerkennend nicken: Weiter so.


Weblinks:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.