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Sechs Engel in Oberhausen

Die Erwartungen pendelten sich Richtung Nullpunkt ein, als wir – die pünktlichen Deutschen – um kurz nach 20 Uhr (Einlass!) an die Tür klopften und uns keiner reinließ. Das Gebäude sah von außen auch eher nach Bruchbude, als Veranstaltungsort aus…

Bin vorher noch nie im „Druckluft“ in Oberhausen gewesen. Keine Ahnung, was ich mir darunter vorgestellt hatte (die vagen Vorstellungen sind von konkreten Eindrücken mal wieder vollends verdrängt worden) – ein wenig überrascht hat mich der kleine, kalte, mit knalligen Stickern und antifaschistischen Sprüchen tapezierte Bau schon. Aktionismus, schallte es von allen Wänden, zuweilen mit einer fetten Portion Wut, gar einer Note Hass, das Feinbild Nazi inbrünstig angeprangert (Ich weiß nicht, wie viele oder welche Gruppierungen hinter den Stickern stehen, aber sie scheinen mir viel Zeit mit der Produktion und Verbreitung von Aufklebern zu verbringen). Und „Refugees welcome“, natürlich. Bring your families. Queer-Magazine auf dem Fenstersims, nebst Schwulissimo-Ausgaben. Gehäuft Begriffe und Kürzel mit Sternchen: Trans*, Inter*, LSBTI*. Habe nach Kleingedrucktem gesucht, einer Erläuterung, einem Sternchenverweis. Dumme Angewohnheit, soll man das Sternchen doch lesen, wie ein Computer es lesen würde: Ersetze Sternchen durch >Alles<, danke. Ein Typ trug einen schwarzen Pulli mit „Malt Whiskey“-Aufdruck im „Walt Disney“-Schriftbild. Amüsant. Ein anderer einen Jutebeutel als Rucksack. Insgesamt waren es vielleicht zwei Dutzend Menschen, im Vorraum, durch den die Gesprächsschnipsel schwirrten: Deutsch, Englisch und mir unbekannte Sprachen. Es waren viele Eindrücke, die man sammeln konnte, in der Dreiviertelstunde zwischen offiziellem Beginn (21 Uhr!) und tatsächlichem Auftakt dieser Veranstaltung. Ein Konzert. Es gab auch eine Vorband, wovon ich erst am selben Abend erfuhr. Douglas Firs. Der hier:

Typ an der Klampfe, Kumpel am Keyboard, zwischen Boxen, die irgendwie falsch eingestellt waren und penetrant surrten – ein Störgeräusch, das ob seiner Monotonie von meinem Hirn ausgeblendet oder schlicht in den Schatten gestellt wurde, von der Musik, die mir wirklich gefiel. Douglas sang sich die Halsschlagadern dick, den Kopf rot, und ließ uns mit dem Gefühl zurück, einem Musiker gelauscht zu haben, dessen Fährten zu folgen sich lohnen könnte. Nach seinem Gig ging’s für ihn direkt zurück in die Heimat, zu einem Termin mit dem belgischen Frühstücksfernsehen, und für uns – die inzwischen knapp 30 Leute im Publikum – folgte die Band, deretwegen wir angereist sind. Ja, angereist. Alle. Denn offensichtlich kam (bis auf zwei Persönchen, von denen eine der Barkeeper war) keiner der Zuschauer aus Oberhausen (Quelle: Umfrage des Frontsängers). Wer trat auf?

THE ANGELCY. Die Agentur der Engel? Engelagentur? Schrecklich kitschiger Name. Oder einfach schön? Ganz witzig? Zyniker und Romantiker streiten sich auf meinen Schultern. Doch wozu sich mit Nichtigkeiten aufhalten: Der Name steht – und er wird stehen, auf Plakaten, Kultur-, ach was: Titelseiten! In Zeitungen, Magazinen, Blogs und Eventkalendern werden wir über diesen Bandnamen stolpern, sollte sich die fidele Gruppe nicht zerbröseln, bevor sie richtig durchstartet (wenn sie das überhaupt planen). Anyway:

Sechs Musiker und mehr Instrumente, als ich benennen kann (mir bekannt: Schlagzeug – doppeltbesetzt! – Gitarre, Kontrabass, Violine, Querflöte, noch mehr Flöten, lauter kleine Sachen die ganz bestimmte Geräusche von sich gegeben haben, wenn man sie nah am Mikrofon streichelt, schlägt, dagegen klopft… und vieles mehr). Kurzum: Das Sixtett konnte man getrost als kleines Orchester bezeichnen. Was haben die für Musik gemacht?, fragen wir uns, die Schubladenliebhaber, war das Folk? Oder Jazz? Eine Mischung?
Wozu Genres beschwören, wenn man mit Adjektiven um sich werfen kann? Ist ja keine Journalistenschule hier, also bitte: Es war lebhaft, verspielt, abwechslungsreich, die Musiker – jeder Einzelne! – ein Hingucker, eine Virtuose… oha, sollte ich diesen Text lieber genderneutral schreiben? Nein, ich halte es mit den Worten des Frontmanns, Rotem Bar Or, als er das Publikum für eine Hintergrundgesangseinlage in Jungen und Mädchen aufteile: „We know, it’s 2016… there are no genders anymore…“ – Yes!

No bombs to drop and kill them all,
no money paid to charge our souls,
no mind control, no wall,
just summer, winter, spring and fall.

We are a natural disaster,
Shake, mama, shake your head.
We are a natural disaster,
lost all hope to ever understand
the powers in command here.

– Lyrics: „My Baby Boy“

„The Angelcy“ ist eine israelische Band. Oberhausen war die letzte Station auf ihrer Deutschlandtour. CDs gab’s keine mehr, nach dem Konzert. Aber im Internet: „Buy our CD, it will make you happy„, so der Sänger. „For a few moments„, ergänzt der Flötist. „Then you’ll buy something else. Then again, then again. Then you die, that’s basically it.“ Ich würde ja gerne einen Ausschnitt von diesem großartigen Konzert posten, einen YouTube-Schnipsel – aber tatsächlich hat kein Mensch auf diesem Konzert sein Smartphone hochgehalten. Na toll.

Die Band höchstselbst indes sagt Tschüss:

Going home now.. Was a great run Germany #theAngelcy#tour Bye 💗

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Warum schreibe ich überhaupt darüber, was ich an einem Samstagabend Schönes gemacht habe? Weil „The Angelcy“, davon bin ich überzeugt, hier im Radio noch rauf und runter laufen und haufenweise Festivals beglücken werden (jaaa… sie waren 2015 schon auf dem „Fusion“, aber das wissen ja nur die, die da waren – und ich, der ich dieses Interview gelesen habe). Jedenfalls kann ich dann, wenn sie im Zuge exponentieller Popularitätssteigerung den Mainstream kreuzen, sagen:

I knew them before they were cool.

Das sag ich nämlich gern.

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