Film Interview

Regisseur Marc Schießer im Interview – Teil III

Im dritten und letzten Teil meines Interviews mit Marc Schießer zum Start ins Jahr 2012 weichen wir ein bisschen ab von meinem Fragenkatalog. Nachfolgend ein Gespräch über Filme und wie man sie macht und sieht und aus dem Machen und Sehen lernen kann. Dazu ein kritischer Rückblick auf bisherige Projekte und ein Ausblick auf zukünftige – denn nach dem Film ist vor dem Film.

David Johann Lensing: Wie sieht’s aus, Marc, hast du das nächste Projekt ist schon in der Pipeline?

Marc Schießer: Oh ja, im April wird gedreht. Es gibt so ein Projekt das heißt Blickpunkte, 10 Filmemacher machen 10 Kurzfilme in Wuppertal. Einzige Auflage: Muss in Wuppertal spielen und dort eine andere Nation, die in Wuppertal lebt, in den Fokus nehmen. Frankreich, Russland, Polen. Ich hab Frankreich. Das ganze große Ding hat ein Kernteam organisiert. Das ganze Projekt hat ne bestimmte Förderung bekommen. Am Ende kommt ne Gesamt-DVD raus. Jeder Film hat einen Zeitraum von drei Wochen innerhalb derer er dann binnen wenigen Tagen abgedreht werden soll. Ich hab noch kein Drehbuch niedergeschrieben. Die Gesamtplanung ist aber schon sehr konkret. Es gibt einen Drehbuch-Abgabetermine. Es gibt jetzt schon einen Premiere-Termin. Regietreffen und sowas, alles schon genau geplant. Ganz nach dem Motto: Gibt’s ein Drehbuch? – Nein, aber es gibt ein Poster!

Porträt von Marc Schießer

Kontroversen als Kompliment

Die Dinge die waren steht hingegen kurz vor der Fertigstellung. Wie gehst Du mit Feedback um?

Marc Schießer: Ja. Schwierig. Ein paar Leute haben den Film in der aktuellen Fassung schon gesehen. Er ist wie gesagt noch nicht ganz fertig, aber man kann sich schon vorstellen, wie das Endprodukt aussehen soll. Bei Musikvideos konnte ich mit Kritik gut umgehen. Kann man ja immer noch auf den Song schieben, nach dem sich das Video zu richten hat. Aber bei so einer persönlichen Geschichte wie Die Dinge die waren, ein Projekt in dem so viel Herzblut steckt… also ein paar haben den schon gesehen und es ist total kontrovers. Vier Leute, zehn Meinungen.

Musikvideos sind erstens nicht so kontrovers, entweder die Bilder gefallen oder halt nicht, es ist halt nicht so persönlich dass es einem viel ausmachen würde. Es unterstützt den Song und die Bilder sind schön, also was willst du mehr? Mit Die Dinge die waren mache ich hingegen eine neue Erfahrung, mit so einer Kritik umzugehen. Und vor allem, was das ultraschwierigste am Filmemachen ist, wie ich finde, welche Meinung man annimmt und welche nicht. Man kann nicht auf jede Meinung hören. Zumal manche deiner ursprünglichen Intention widersprechen. Man soll ja zu dem stehen, was man da machen wollte.

Einerseits soll man seine eigene Stimme und Meinung nicht übertünchen lassen von allen Anderen, andererseits durchaus offen sein für Vorschläge. Es gibt halt auch total gegensätzlich Aussagen. Den einen gefällt der Anfang besonders, den anderen besonders nicht! Cool ist, wenn bestimmte Szenen Kontroversen aufrufen. Es gibt einen Streit in dem Film, in dem meine Testgucker richtig Partei ergriffen haben – so, dass inhaltliche Diskussionen aufgekommen sind über die Motivation und Fairness der Protagonisten.

Das ist dann ja schon eher ein Kompliment.

Die Zeiten sind vorbei

Marc Schießer: Klar: „Der Film ist toll aber dein Held ist ein Arschloch“ ist ein Kompliment! Ging aber soweit, dass es hieß, man könne und wolle sich gar nicht erst mit dem Held identifizieren. Sprich: filmisch toll gemacht, aber die Wirkung bleibt aus, weil man nicht teilnehmen will. Solche Kritik ist wiederum hart und man muss sehen: Von wem kommt sie? Wie gehe ich damit um und derlei?

Mehr über Marc Schießers Kurzfilm Die Dinge die waren im Teil II unseres Interviews.

Hast du eigentlich schonmal mit Film gedreht, beziehungsweise auf Film?

Marc Schießer: Nee. Das wird auch wahrscheinlich nicht mehr passieren, oder? An den Filmschulen wird’s noch gefordert und gefördert und gelehrt. Aber ich bin der Meinung, dass es in den nächsten fünf Jahren oder so aussterben wird. Klar werden manche Filmemacher aus Liebhaberei oder Nostalgie noch auf Film drehen, aber die digitale Technik holt zu sehr auf. In ein paar Jahren wird 90 Prozent aller Sachen digital gedreht. Ich glaube in ein paar Jahren können sich nur die absoluten Exoten ein Beharren auf echtem Filmformat erlauben, aufgrund eines persönlichen Fetisches oder so – aber Standard wird’s sicher nicht mehr sein. Digital ist billiger, schneller und jetzt schon optisch kaum noch von Film zu unterscheiden.

Nachträglich: ein kleiner Exkurs zum Unterschied zwischen Film und Video.

Wenn ich die Möglichkeit bekäme, klar, würde ich es auf jeden Fall ausprobieren wollen. Wäre schon ne coole Sachen. Aber wenn ich ne Summe X zur Verfügung habe und die verteilen müsste, würde ich die nicht in Filmmaterial stecken. Ist viel zu teuer und  man könnte viel weniger Takes drehen. Da würde ich das Geld lieber an anderer Stelle investieren und digital drehen. Muss jetzt nicht DSLR sein, aber ne RED Scarlet würde ich einer Filmkamera vorziehen.

Marc Schießer hinter der Kamera

Wenn man auf Film dreht, bleibt einem nichts anderes übrig, als dem Take an sich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, weil er ja mit viel höheren Kosten verbunden ist. Coverst du gerne?

Marc Schießer: Nein. Man sollte jetzt nicht diverse Kamera aufstellen und aus jedem Winkel alles aufzeichnen, das nicht. Wohl sollte man so viele Takes machen, wie man kann, im gegebenen Zeitfenster – und auf jeden Fall auch mehrere Perspektiven. So viel, wie der Drehplan zulässt. Eben damit man noch im Schnitt entscheiden kann, ob’s das Close oder doch die Halbnahe ist, die man sehen will. Also ja, ich bin für Spielraum im Schnitt. Wir hatten bei Die Dinge die waren teilweise auch zwei Kameras gleichzeitig im Einsatz. Für die Dialoge.

Hattest mal gesagt, dass du dich so in Dialogauflösung verliebt hast. Würdest du’s wieder so machen?

Marc Schießer: Auf jeden Fall. Es macht natürlich nicht immer Sinn – ne komplexe Fahrt oder so, wo man sicher weiß, so solls nachher aussehen, da sammele ich keine extra Einstellungen. Das wäre verschenkte Zeit. Was gar nicht geht ist das Ausrichten des Bildes nach den Kameras, wenn man mit mehreren simultan dreht und verhindern will, dass man sich abschießt, das geht gar nicht.

Aber ansonsten: Wir hatten an einem Tag nicht die zweite Kamera für den Gegenschuss im Dialog und da hab ich’s schon total vermisst. Bei einem wichtigen Dialog ist es total super, wenn man mit einer zweiten Kamera die direkte Reaktion des Gegenspielers einfangen kann. Das macht Spaß, ist hilfreich, sinnvoll und spart überdies unglaublich viel Zeit – zumal die Szenen meist doch durchgespielt werden, was für die Schauspieler sinnvoller ist, als sie total zu zerhackstücken.

DSLR und Drumherum

War es dein erster Dreh mit DSLR?

Marc Schießer: Nein, die letzten beiden Musikvideos auch schon. Jeweils mit Canon 7D. Bei Die Dinge die waren auch die 60D, wobei mit persönlich, ganz subjektiv, das Bild der 7D besser gefällt – und die Kamera im Ganzen. Die 60D kann mit dem Klappbildschirm trumpfen, der ziemlich cool ist.

Inwiefern ist das Bild unterschiedlich?

Marc Schießer: Ich finde, man sieht einen gewissen Unterschied. Wir haben bei der 7D im Cinestyle gedreht, eine Möglichkeit, ein vom Tonwert flacheres Bild aufzunehmen, das blass aussieht, damit man aber nachher bei der Farbkorrektur mehr Spielraum ist. Bei der 60D ist dieser Effekt nicht so effektiv. Aber das Urteil ist zu schwierig, weil super viel von den Optiken abhängt und wir für die 7D einfach auch die besseren Optiken hatten. Sigma nämlich. Ich hatte immer den Eindruck das Bild der 7D sei schärfer und plastischer und sieht einfach besser aus.

Ihr habt fürs Budget sogar einen Dolly Jibarm gemietet. Lohnenswert?

Marc Schießer: Ja! Sofort wieder. Wir haben den günstigsten Dolly genommen, den der Verleiher angeboten hat. Und es war ne super Sache, viele Fahrten sind smoother, viel glatter umzusetzen. Neue Gestaltungsmöglichkeiten in den Bilder, wenns nicht nur in der horizontalen geht, sondern auch vertikal.

Zu verspielt inszeniert?

Nutzt man das Ding dann nicht wo man kann, wenns einen großen Teil vom Budget gefressen hat?

Marc Schießer: Ja… es gibt auf jeden Fall kritische Stimmen, die eine Szene überstilisert fanden, was die Kamerabewegungen angeht.

Kannst du die Szene rechtfertigen?

Marc Schießer: Ja, klar! Auf jeden Fall. Ich würde auch auf keinen Fall anfangen, das Master irgendwie zu bewegen oder Dialoge weiß Gott wie in Bewegung zu setzen, wenn die Protagonisten es nicht auch tun. Aber wenn sich die Personen im Bild bewegen, dann die Kamera auch, wieso nicht? Ich finde, dass öffnet einem kreativere Inszenierungsmöglichkeiten.

Nun, du bist ein begeisterter Cineast, hast auch lange im Kino gearbeitet. Aktuelle Empfehlungen?

Marc Schießer: Gestern war ich in Mad Circus in Düsseldorf, im spanischen Original mit Untertiteln. So ’n verrücktes kleines Ensemble während des Franco-Regimes. Hat diese und jene Preise gewonnen, halt total abgefahren.

Aktuell im Kino

Wie war’s?

Marc Schießer: Totaler Reinfall. Ich fand den echt mies. Extrem konfus erzählt und durcheinander, schlichtweg: nicht gut. Dann hab ich zuletzt noch Cheyenne gesehen, und Gott des Gemetzels, den ich wiederum super fand, oder besser: sehr gut. Klassisch inszeniert halt, basierend auf einem Theaterstück. Abgefilmtes Theater, die Kamera macht gar nichts. Es sind halt vier Leute in einem Raum. Sehr übertrieben gespielt, totales Overacting weil’s nicht mehr naturalistisch ist – aber es macht einfach Spaß, den Darstellern dabei zuzuschauen.

Da hast du ja schonmal drei sehr unterschiedliche Filme genannt. Was macht für dich, absolut subjektiv, einen guten Film aus?

Marc Schießer: Keine Ahnung, weiß ich nicht. Wie gesagt: Einerseits der Gott des Gemetzels, Darstellerkino, filmisch extrem reduziert, andererseits… keine Ahnung… Apocalypse Now oder so. Ich stelle an einen Filme gerne die Ansprüche, die er an sich selbst stellt. Die Maßstäbe die er sich setzt, kann er sie einhalten, oder nicht? Auch wenn das manchmal spekulativ bleibt. Der überwiegende Anteil der Filme, die ich gut finde, sind weit weg vom Dogma-Stil, obwohl ich durchaus ein paar Dogma-Filme gut finde. Könnte das aber nicht auf ein paar bestimmte Kriterien herunterbrechen.

Mehr über die Filme, die im Rahmen des Dogma 95 entstanden sind, gibt es im Interview mit Kameramann und Oscar-Preisträger Anthony Dod Mantle.

Zwischen Konvention und Schreikrampf

Ich hätte jetzt getippt, dass du eher ein visueller Typ bist.

Marc Schießer: Das hast du Recht – das erwarte ich von Kino natürlich in erster Linie: dass es visuell interessant ist. Sonst könnte man auch ein Hörspiel aus der Geschichte machen. Filme, die das Filmische komplett ignorieren. Das machen gerade Dogma-Filme meistens ja doch nicht! Warum sollte man dann einen Film machen? Was mich ankotzt ist totale Beliebigkeit. Also wenn alles der absoluten Konvention entspricht, nicht davon abweicht und die Regie geradezu gelangweilt wirkt, das finde ich nervig.

Gibt’s für dich auch visuell over the top? Gaspar Noé oder so?

Marc Schießer: Von dem habe ich seinen neusten gesehen, Enter the Void – da hat’s für mich schon funktioniert, es war tricky, man wurde mitgerissen, andererseits war der wiederum sehr lang und hat seine tollen Ideen sehr weit ausgereizt, so dass man zwischendurch schon sich erwischt hat, dass man ausgestiegen ist – wenn die Kamera mal wieder in eine Lampe fliegt und neue Dimensionen eröffnet. Aber es geht auch…

Kennst Du die Bekmambetow-Filme? Wächter der Nacht, Wächter des Tages und so. Wanted hat der auch verbrochen. Die Filme sind visuell auch super aufwändig, aber da krieg ich halt Schreikrämpfe – ist echt furchtbar! Das ist dann halt sowas von over the top. Wenn jemand an eine Tür klingelt und die Kamera in die Klingel durch die Wand und an der anderen Seite wieder raus, NUR weil mans kann. Einfach nur so, ohne Intention. Und so ist der ganze Filme jede Minute. Da krieg ich die Krise.

Grenzen und Kreativität

Die Dogma-Regeln. Man hat sie aufgestellt und doch hab ich noch keinen Dogmafilm gesehen, der nicht wenigstens ein paar der Regeln bricht. Warum dann überhaupt Regeln. Deine Meinung?

Marc Schießer: Na ja. Es heißt ja, dass Grenzen und Regelwerke die Kreativität anspornen. Inwiefern da jetzt die Regeln im Einzelnen – die Urkunde, Regie nicht genannt, ohne Lichteinsatz – wenn sich dann doch keiner dran hält, ob das Sinn man sei mal dahingestellt, aber es war in jedem Fall ein interessantes Experiment und hat neue Impulse gesetzt.

Grenzen fördern Kreativität – würde ich sofort unterschreiben. Gerade im Amateurfilmbereich.

Marc Schießer: Siehe unseren Kurzfilm Schlagbohrer. Insofern schon. Aber ich finde, man kann’s auch zu weit treiben und es zu so einer Art Religion erklären, von wegen das wenige Mittel immer bessere Leistung fördern. Das ist ja auch nicht immer so! Robert Rodriguez ist ja bekannt dafür. Sagt: Ich brauch nur vier Millionen und lass es damit aussehen wie 15 Millionen. Weniger ist mehr. Ich finde den Erfolg dieser These zweifelhaft. Manche seiner Sachen wirken einfach schlampig gemacht.

Zum Beispiel Machete?

Marc Schießer: Der war okay. Ich finde zwar, diese Grindhouse-Nummer ist seit dem Double Feature schon wieder ausgelutscht, nach Planet Terror war’s einfach nochmal die gleiche Nummer. Ist halt ganz nett, ganz witzig, ganz übertrieben, aber ich muss den jetzt nicht nochmal sehen. Du?

Erst Madonna, dann Spielfilmdebüt

Ich steh schon sehr auf den Look und dieses total überzogene. Ist halt ’n Partyfilm, der zum Glück nicht mehr sein will, als er ist. Wie sieht’s bei dir mit Musikvideos aus? Große Vorlieben?

Marc Schießer: Namen, die jeder nennen würde. Spike Jonze, Chris Cunningham, Michele Gondry, Mark Romanek … aber die Hoch-Zeiten sind da auch vorbei. Aktuell gibt’s da eher wenig. Chris Milk macht coole Sachen. Halbwegs aktuell. Die große Zeit des Musikvideos ist glaube ich vorbei. Früher war’s ja echt so: mach ein Video für Madonna und drei Jahre später kommt dein Spielfilmdebüt. Ist heute nicht mehr so. Man hat auch das Gefühl, alles schonmal gesehen zu haben. Stoße eher selten noch auf aktuelle Perlen.

Du weißt bereits, wie Die Dinge die waren aussehen wird. Gibt’s was, was du schon besser machen würdest? Zum Beispiel ist der Ton für dich nach so vielen Musikvideos doch ne ganz neue Erfahrung, oder?

Marc Schießer: Ja, das ist mir schon aufgefallen, dass Ton halt ein Riesending ist, das bis jetzt noch nicht so da war. Aber der Ton bei Die Dinge die waren ist gut geworden, der O-Ton, gut zu gebrauchen. Haben leider nur Mono, statt Stereo aufgenommen. Klingt zwar gut, ist aber nur Mono. Wichtiger aber: Manchmal ist man sich der Wirkung, die eine Szene haben soll, zu sicher – man meint, es muss unbedingt so wirken und merkt erst später, dass es auch in eine Richtung gehen könnte, hätte gehen sollen… die vielleicht noch besser von der Wirkung wäre, wenn man dieses Potential nutzen würden.

Emotionen kann man nicht kalkulieren

Es gibt da zum Beispiel eine Szene in der ich gesagt habe, wir machen auf keinen Fall eine Nahaufnahme, statt ein Superclose und wir gehen daraus zurück – dann hat der Schauspieler aber seinen emotionalsten Moment irgendwie in der halbnahen, in der wir die ganze Zeit sind. Da hat sich halt gezeigt, dass es gut gewesen wäre – auch wenn es sich dann visuell gesehen gedoppelt hätte – wieder in die Nahe zu schneiden, weil dadurch die Bindung zur Hauptfigur besser gelungen wäre.

Das war auf jeden Fall ein Fehler, den ich anders machen würde. Das ist natürlich eine ganz konkrete Sache die vermutlich keiner nachvollziehen kann, der den Film nicht gesehen hat. Das ist halt das Ding, wenn man eine Szene in Einzelbilder auflöst – da muss man auf so vieles achten. Und die Emotionen kann man letztlich schlecht kalkulieren, die nachher beim Zuschauer entstehen. Dazu muss man einfach mal spontan sein, sehen was die Schauspieler machen – und wenn der halt was total Irres macht, muss ich meine Shotlist darauf anpassen. Damit man das in ausreichendem Maße mitkriegt.

Marc Schießer am Set

Wie kompromissbereit bist du am Set? Gehst du viel auf Vorschläge ein?

Marc Schießer: Ja, keine Ahnung, müssten andere beurteilen. Ich hör mir natürlich an, was andere zu sagen haben, aber bis jetzt gab’s bei unseren Drehs selten großartige Vorschläge, wurde nicht viel gemacht. Man muss als Regisseur eine konkrete Vision haben, vom Film. Alles andere ist ätzend. War auch schonmal bei einem Dreh dabei, wo der Regisseur das irgendwie nicht hatte. Dann stehen alle dumm rum, keiner weiß genau was als nächstes gemacht wird… der Typ hat dauernd gesagt: Umbau! Und man dachte sich: Umbau auf was? Dann hat man nachgefragt und er musste erstmal überlegen und kommt dann mit der Antwort: „vielleicht machen wir mal ne Totale.“

Das ist halt irgendwie Quatsch. Wenn man halt selbst keinen Plan hat, kommt man nicht voran – vor allem wenn man dann Zeit verschwendet, weil die Shots nicht umbaulogisch sortiert sind. Es war halt ein blödes Gefühl, wenn man merkt, dass der Regisseur selbst nicht weiß, was er will. Hat seinen Darstellern immer gesagt: Machs anders. Wenn die dann fragten: Wie? Hieß es: Anders, irgendwie, anders betonen. Ganz furchtbar. Da tun einem die Schauspieler richtig leid, wenn die hören: War schlecht, mach anders – aber sie wissen nicht, wie?

Man ist ja selbst kein guter Schauspieler… Wie kommunizierst du mit deinem Cast? 

Marc Schießer: Praxis bringt da mal wieder viel mehr als Fachliteratur. Wichtig ist, dass man Schauspieler beurteilen kann, ob sie eine gute Arbeit liefern oder nicht. Grundsätzlich sollte man ne klare Vorstellung davon haben, was man sehen will. Sonst kann man ja nichts sagen. Eine gute Idee: den ersten Take den Schauspieler völlig frei machen zu lassen. Dann sieht man schonmal, ob’s überhaupt halbwegs in die Richtung geht, die man sich gedacht hat. Aber was nicht geht, ist, dass man selbst keine Vorstellung hat. Man sollte schon wissen, wie sich der Satz anhören soll. Oder wo die Probleme von dem Satz liegen könnten und so weiter. Da entwickelt man dann schnell ein paar Tricks und Kniffe, wie man den Schauspieler dazu bringt, es neu auszuprobieren.

Die Kunst der Schauspielführung

…mit der einfachen Hilfe von Adjektiven?

Marc Schießer: Es gibt verschiedene Typen. Manchmal merkt man, da ist jemand der eigentlich alles schon genauso verstanden hat, wie man’s eigentlich haben möchte, da muss man nur präzise sagen: Dieser Satz etwas schärfer, ganz konkret. Bisken aggressiver, schneller ausgesprochen, Betonung eher auf dem Wort als auf dem. Wenn das große ganze schon vermittelt ist, geht’s nur noch um solchen Satzbau.

Andererseits muss man manchmal das Rollenverständnis noch präzisieren und andere Anweisungen geben. Total wichtig ist einfach, dass sich Schauspieler auf den jeweiligen Partner, Schauspielpartner beziehen. Es soll der Eindruck entstehen, da würden miteinander reden und nicht warten, bis sie dran sind. Wirklich zuhören. Manche können nicht so gut mit ihrem Partner und dann muss man sehen, wie man diese Chemie beeinflusst. Man kann separate Anforderungen stellen, so dass sich die Partner gegenseitig neu fordern. Manchmal aber auch ganz anders, da sagt man: Spiel den nächsten Take so, als hättest du gerade beschlossen, dass du dich heute Abend umbringst. Und es gibt kein Rütteln daran, egal was der Partner sagt. Dann spielen Schauspieler das Take oft wieder ganz anders, mit einer ganz neuen Richtung.

Solche Sachen, damit zu spielen und auszuprobieren, machen halt total viel Spaß. Das find ich aber auch gar nicht so bedrohlich sondern cool, wenn man so einen Text hat und schaut: In welche Richtung kann der so alles gehen? Haben auch Dialoge gehabt wo wir Sachen versucht haben: Spielts mal so leise wie eben möglich, das man euch gerade noch hört, ganz behutsam. und im nächsten Take: Zerfetzt euch! Nehmt jede Gelegenheit im Text wahr, den anderen total fertig zu machen. Und manchmal schneidet man die Szene im Endeffekt aus solchen ganz unterschiedlichen Anweisungen zusammen und stellt fest: funktioniert in der Mischung sehr gut. Wobei das jetzt schon ein extremes Beispiel ist, nur ein Mittel von vielen, um ein Spiel aufzulockern. Um mehrere Reaktionen vom Schauspieler zu bekommen.

Mehr zu den Anfängen von Marc Schießers Filmschaffen in Teil I unseres Interviews.

Zeit als Gegner

Wenn man die Zeit dafür hat. War’s bei euch sehr strikt durchgetaktet?

Marc Schießer: War schon sehr tight. Wir haben zwar viel Zeit beanschlagt für wichtige Dialogszenen. Zweieinhalb Seiten Dialog gehen dann halt auch sieben oder acht Stunden. So war der Dreh halt aufgebaut: Von manchen Sachen weiß man, das sind die wichtigen, die müssen stimmen – da braucht man natürlich mehr Zeit. Da will man dann auch mehrere Einstellungen von den Darstellern machen und so. Um dann zu erforschen, was der Text so alles kann.

Trotzdem gab’s recht wenig Pausen. War stressig. Häufige Motivwechsel und so. Da war man zudem oft auf die Kulanz irgendwelcher Besitzer von Kneipen, Diskos und Filialen angewiesen. Wenn man an manchen Locations erst um zwei Uhr nachts anfangen kann, weil dann der laden dicht macht, und man dann nur zwei Stündchen zeit hat, muss es einfach schneller gehen – darunter leidet natürlich immer die Qualität, die man bekommt. Hatten also schon einen sehr engen Drehplan.

Eingeplant waren aber zum Glück ohnehin gewisse Impro-Elemente. Für Szenen aus der Vergangenheit und so wurde an verschiedenen Settings dann spontan geguckt: Welche Bilder machen wir? Was bietet die Location? Das zog sich durch den ganzen Dreh und war auch ne super Auflockerung zwischendurch.

Immer schön Ruhe vortäuschen

Bist du gut im Katastrophenmanagement?

Marc Schießer: War noch nicht oft gefordert. Ich glaub, das wichtigste ist, einen ruhigen Eindruck zu machen. Man darf halt nicht die Zügel schleifen lassen und allen zeigen. Dann würden alle nervös. Darum geht’s glaube ich oft beim Regie führen: Kontrolle und Ruhe vortäuschen auf wenn man grad selbst nicht weiß, was man machen soll. Möglichst immer Augen zu und durch, nicht schleifen lassen, nicht stagnieren. Wie gehst du denn mit Stress um?

Zeitliche Engpässe sind so ’n Ding, da fällts mir oft schwer, wirklich die Ruhe in Person zu sein. Wenn plötzlich Requisiten kaputt gehen oder ein Darsteller ausfällt – da werde ich schon hektischer, unruhiger, rede schneller, mehr, ermahne zuweilen unnötig oft zur Ruhe, wenns mir zu wuselig wird.

Marc Schießer: Was echt schwierig ist, ist die eigene Frustration zu verbergen. Wenn so ’n Scheiß ist, Batterien vom Tonrekorder leer oder so. Wenn man dann warten muss, obwohl die Zeit eh schon abläuft, dann ist man schon ziemlich angekotzt, was ich auch nicht so gut verbergen kann. Da schreit man dann niemanden an, klar, aber na ja, man ist schon genervt.

„Das wird ein mega Reinfall!“

Ein so ’n Ding war bei uns, wo so ’n Zeitungstyp am Set war. Kurz vor dem Statistendreh mit den geplanten 50 Leuten. Der Typ war halt früh am Treffpunkt und es waren erst zwei Leute da. Erste Frage natürlich: Könnte es sein, dass alles ausfällt, weil keine Leute kommen? Da hab ich natürlich ganz souverän geantwortet: Nein, kann überhaupt nicht sein, viel zu gut organisiert hier. Sind voller Zuversicht, wird schon klappen. Und ich dachte nur: Er hat so recht! Das wird ein mega Reinfall!

Hats denn geklappt?

Marc Schießer: Ja, ne halbe Stunde nach vereinbartem Zeitpunkt waren tatsächlich über 50 Leute am Set! Lief super, war aber voll der Glücksfall, hätte auch scheiße laufen können. Die meisten wurde da echt ganz spontan einen Tag vorher organisiert. Es hieß dann: Ich bring noch einen mit und so… wo man halt echt nicht wusste, wie viele kommen denn jetzt?

Zwei Tage später waren es dann aber auch nur 13 wo wir wieder 30 hätten gebrauchen können. Da hatten die Freunde und Bekannte wohl noch zu gut in Erinnerung, dass Statist sein nicht schön ist und nicht immer Spaß macht.

Wie hast du’s dann gelöst?

Marc Schießer: Choreografie, Leute viel laufen lassen, viel Bewegung ins Bild bringen. Mal hinter der Kamera den Pulli wechseln. Stand dann auch selber im Bild, wenn ich nicht zwangsweise hinter der Kamera sein musste. Die Räumlichkeiten waren auch echt groß. Große WG. Weniger Statisten heißt zum Glück aber auch weniger Anschlussfehler. Die Wege, die die da alle gelaufen sind, die verschiedenen Set-Ups, sind relativ okay – von der Kontinuität her, das wäre bei mehr Leuten wesentlich schwieriger gewesen.

Lernen von den Besten

Viele Kamerablicke?

Marc Schießer: Nee, gar nicht. Notfalls hätte man digital korrigieren müssen – das habe ich im Making Of von The International, dem Tom-Tykwer-Film mit Clive Owen gesehen. Da gibt’s ein paar Massenszenen in Istanbul, glaube ich, die wurden einfach auf offener Straße gedreht – die rennen da durch die Menschen, sogar mit einer Knarre, einer Attrappe natürlich, ohne das irgendwer davon wusste, mit einer Steadycam vorne weg.

Und da hat’s wohl erstaunlich gut funktioniert: Tausende Statisten, die die nie alle hätten bezahlen können, und ein paar der schlimmsten Kamerablicke wurden dann digital korrigiert, dass die Augen einfach woanders hinschauen. Es wurde nichts abgesperrt dazu, normaler Straßenbetrieb.

Du beziehst viele Tipps und Tricks aus solchem Behind-the-scenes Material, stimmt’s?

Marc Schießer: Ja, klar. Warum nicht? Ich denke, das ist der große Vorteil unserer Generation. Wenn man uns mit anderen Generationen vergleicht, die noch jedes Interview gelesen haben, um irgendwie an Hintergrundinfos zu kommen, haben wir das Glück bezüglicher bonusgespickter DVDs. Wir können jeden Film mit einem Kommentar gucken, es gibt tausend Insidertipps, alles super verfügbar. Ist doch unglaublich, das das alles neu ist. Anfang der 90er war das noch undenkbar. Da steckt eigentlich tausend Mal mehr Wissen drin, als in jeder Filmhochschule – weil da unterrichten eben nicht Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und so weiter, sondern halt eher kleine Lichter. Es gibt so viele Tricks und Geheimnisse, das sollte man aufsaugen so viel’s geht.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, Marc.


Nachtrag: Fünf Jahre nach diesem Gespräch hat Marc Schießer mit der Mystery-Serie Wishlist unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis gewonnen. Hier ist der Trailer zur zweiten Staffel, die im Dezember 2017 anlief:

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