Film Interview

Regisseur Marc Schießer im Interview – Teil II

Im zweiten Teil unseres überlangen Interviews nehmen wir das aktuelle Projekt vom Wuppertaler Filmemacher Marc Schießer in den Fokus: Die Dinge die waren. Ein intensiver Blick hinter die Kulissen eines Kurzfilms, der ein Wendepunkt in Marcs Filmschaffen werden soll. Erstmals stehen professionelle Schauspieler vor seiner Kamera, die einem Herzensprojekt Leben einhauchen.

Frisch gefallener Schnee, dazu der Text: Marc Schießer – Die Dinge die waren

David Johann Lensing: Dein aktuelles Filmprojekt also, was hat es damit auf sich? Wann und wie ging’s los?

Marc Schießer: Die Idee zu dem Film kam mir schon 2010, als ich noch mitten in Musikvideoproduktionen steckte. Das Drehbuch habe ich dann erst  im Mai/Juni 2011 geschrieben. Dann kam auch schon das Casting, das in diesem Umfang totales Neuland für mich war. Erstmal fand ich’s krass, wie viele professionelle Schauspieler bereit waren, bei sowas mitzumachen. Da fragt man sich echt, warum man das so lange mit den eigenen Kollegen gemacht hat.

Trotzdem sollte man ein gewisses Level erreicht haben, ehe man sowas ausprobiert. Die Schauspieler würden vermutlich auch so mitmachen, aber für Einen selbst ist es besser, wenn man schon etwas Sicherheit und Erfahrung im Umgang mit Leuten hat. Deshalb ist es, denke ich, sehr gut, im Kreis der eigenen Leute anzufangen – wo man noch sagen kann: „Mach mal lieber so oder so“ – bevor man mit Profis arbeitet, bei denen man schon eine andere Sprache anwenden sollte. Sagen wir’s so: Ich finde es logisch, dass ein Jeder im privaten Rahmen anfängt, aber genauso logisch ist es, irgendwann den nächsten Schritt zu machen und mit richtigen Schauspielern zu arbeiten. Einmal gemacht will man’s – wie beim Kameramann – nicht mehr anders machen. Es ist einfach beachtlich, was richtige Schauspieler einem geben, beziehungsweise was man aus denen herausholen kann, wenn man sie fordert.

Hier geht es zum ersten Teil unseres Interviews.

Die Dinge die waren

In den Hauptrollen: Tim Kalkhof und Sunny Bansemer

Nach diversen Internetakquisen habt ihr ein Face-to-Face-Casting veranstaltet. Hattest Du mit Nervosität zu kämpfen?

Marc Schießer: Nervös war ich, klar. Vor allem bei den ersten Durchgängen. Man will halt total professionell wirken und weiß ja eigentlich gar nicht, wie das geht. Aber so ist das irgendwie bei allen Filmsachen – oder hast du schon viele Leute Regie führen sehen? Man kann da schlecht sagen, was richtig und was falsch ist.

Man vertraut einfach darauf, dass die Anderen es auch nicht wissen.

Marc Schießer: Genau! Irgendwann kommt man immer an so einen Punkt, an dem man denkt „War das jetzt richtig so? Hab ich das gut gemacht?“ – das ist so ein Punkt, der halt kommen muss. Aber schlussendlich gibt es kein richtig oder falsch. Man muss einfach einen Weg für sich finden, der gut funktioniert. So war es bei dem Casting auch. Nach drei Bewerbern hat man gemerkt: Klar, das läuft jetzt so. Die lachen jetzt nicht, wenn ich was von denen will, sondern machen das. Du wächst einfach rein in die Sache.

Seid ihr denn fündig geworden?

Marc Schießer: Was die weibliche Hauptrolle anbelangt schon. Aber die männliche Hauptrolle – die tragende Figur des ganzen Films – für den haben wir eben keinen gefunden. Also haben wir nochmal Freunde und Bekannte gefragt. Unter anderem sprach ich mit einem Kollegen, der in Ludwigsburg Schnitt studiert und der hat mir dann einen Typen von der Schauspielschule Ludwigsburg empfohlen. Er schickte mir einem Film von ihm, den ich gut fand, obwohl es eine ganz andere Rolle war,  aber man sah einfach direkt, dass dieser Schauspieler wahnsinnig viel Talent hat!

Ich habe den dann angeschrieben, er hatte Zeit und Lust und wollte sich prompt treffen – und zwar unbedingt persönlich. Viele bieten ja ein Skype-Casting an. Leute aus München oder woher auch immer, die nicht zum Castingtermin kommen können. Manche schicken Videos… habe da ein paar sehr witzige Clips zugeschickt bekommen… doch genau das wollte besagter Schauspieler nicht. Er wollte sich treffen, trotz der riesigen Distanz zwischen Ludwigsburg und Wuppertal.

Spontan in der Mitte getroffen

Wir haben uns dann in Mainz, also der Mitte, verabredet. Rückblickend schon wieder so eine Sache, bei der ich sagen muss: Ja, nie wieder anders! Eine weitere Lektionen dieses Projektes. Ein persönliches Treffen ist das beste, was man machen kann, um zu schauen, ob die Chemie stimmt. Denn genauso wichtig wie das Schauspieltalent ist ja auch, wie’s auf der menschlichen Ebene funktioniert. Höchste Priorität hat das Verständnis der Rolle. Wenn das total auseinander geht, kann man sich gleich denken, dass es Probleme geben wird. Das Treffen mit dem Hauptdarsteller fand aber wohlgemerkt erst eine Woche vor Drehstart statt. Wir hatten zwar noch einen Typen in der Pipeline, den wir hätten treffen können, aber eigentlich war allen klar, dass es von diesem Mainz-Termin abhängt.

Gott sei Dank war’s dann auch der mega Glücksgriff! Es hätte gar nicht besser laufen können. Ist schon abgefahren, dass wir diesen Typen quasi in letzter Sekunde gefunden haben, auf so einem Wege. Der hat die Messlatte auf ein ganz anderes Level gehoben – da hätte keiner der anderen Bewerber mithalten können.

Und dann habt ihr Die Dinge die waren gedreht. Warum diesen Film?

Marc Schießer: Ich finde, jeder Film sollte irgendwie was persönliches haben, ein persönliches Kernelement. Das kann auch in einem strangen Film, was weiß ich, in eben einem Film über einem Vampir muss das der Fall sein – Sachen einfließen lassen, die man in sich hat. Persönliches einbringen. Eine Handschrift. Erfahrung. Das ist es, was einen Film irgendwie speziell macht und interessant. Was die Zuschauer dazu bringt, sich mit dem Film zu identifizieren zu connecten auf ne Art und Weise.

Könnte auch ein Serienkiller sein

Das habe ich früher nicht so gesehen. Da dachte ich, es wäre geil, einfach mal einen Genre-Film zu machen. Einen Actionfilm und dieses und jenes. Mittlerweile denke ich, dass jeder Film ein persönliches Element braucht. Genrefilm hin oder her, er sollte was haben, was Ausdruck deiner Persönlichkeit ist. Das habe ich im Laufe der Jahre gelernt und deshalb ist Die Dinge die waren jetzt ein extrem persönlicher Film geworden, der halt ein Thema behandelt, das mich total beschäftigt hat.

Im Prinzip gibt’s auch keine… ich musste den Film machen! Das klingt total abhoben-künstlerisch, aber ich musste Die Dinge die waren einfach machen. Die Geschichte hat sich einfach aufgedrängt. Auf jeden Fall. Vom Genre her ist es ein Beziehungsdrama. Trotzdem hoffe ich, dass der Film nichts davon hat, was das Genre eigentlich auszeichnet. Von der Form her ist es total anders umgesetzt, so dass es sich nie anfühlt wie ein Beziehungsdrama.

Im Treatment hatte ich noch geschrieben, dass, wenn man den Film guckt, das Gefühl haben soll, es könne auch um einen Serienkiller gehen. Einfach vom Look und Feel her. Trotzdem bleibt es ein Beziehungsdrama und irgendwann rückt die Beziehung in den Vordergrund. Es sollte aber nicht Banales oder Alltägliches haben, wie so oft Sat1-Filme oder öffentliche-rechtliche Liebesdramen. Es sollte nicht reduziert und minimalistisch, sondern groß und düster sein – optisch aufwändig, musikalisch progressiv, experimentell schon fast. Also vieles, das man nicht mit einem Beziehungsfilm assoziiert. Da sind surreale Traumsequenzen drin und sowas. Nicht so das Standard-Beziehungsdrama.

Die Logline „500 Days of Summer meets Fight Club“ – haste aber schon wieder zurückgenommen, warum?

Marc Schießer: Weil’s ziemlich hochgestochen war. Das sind zwei absolut grandiose Filme und äh… nur wenn die Optik ein bisschen düster ist wird’s nicht direkt ne Fight-Club-Optik. Das war einfach zu hochgegriffen. Deshalb muss das Kommentar vernichtet werden.

Extrem hohe Lernkurve

10 Tage Powerdreh. Wie war das?

Marc Schießer: Mir fehlen ein bisschen die Maßstäbe. Ich war zum Beispiel noch nie bei einem Studentenfilm mit dabei. Keine Ahnung, ob die Dimensionen bei Die Dinge die waren vergleichbar sind – es war auf jeden Fall größer, als alles, was ich vorher gemacht habe. Insofern, als das es anfangs langsam voranging, das Locationscouting und Casting lange gedauert hat. Und dann waren die Dreharbeiten selbst organisatorisch und vom Aufwand her auf einem ganz anderen Level. Das waren verdammt viele Motive, die koordiniert und abgeklärt werden mussten, zuweilen schwierig mit den Genehmigungen, Sachen wie Pizza-Hut. Kneipen, Diskotheken und sowas. Das muss ja alles Wochen im Voraus geklärt werden, damit die einen reinlassen und man die ganze Nacht da drehen kann.

Die große Zahl an Szenen so aufzuteilen auf die zehn Tage war schon enorm, wie ein großes Puzzle: wenn man den Teil da dreht, kann man den nur da und so. Hinzu kommt, dass der ganze Film nachts spielt, abgesehen von ein paar Traumsequenzen. Da war auch die Frage, welche Motive abhängbar waren und welche nicht. Deshalb gab’s – wie schon bei Tantalusqualen – ein richtiges Team in der Preproduction. Leute, die die Produktion mitstemmen. Also organistorisch helfen. Das war auch ne echt coole Erfahrung: Leute dabei zu haben, die den einen oder anderen Bereich komplett übernehmen. Dann gab’s natürlich Dispos, wer wann wen wo abholt, wann was gedreht wird und wie die Pausen eingeteilt sind. Das war ein ganz anderes, insofern angenehmes Arbeit, als damals mit drei vier Freunden, alles eher provisorisch. Diesmal war’s absolut durchorganisiert. Auch anstrengend und lang aber vor allem extrem lohnenswert.

War ne super geile Erfahrung. Gab jeden Tag ne neue Herausforderung – ob’s das erste Mal mit vielen Komparsen war. Wie inszeniert man einen vollen Club, dass der echt aussieht? Mit 50 Leuten? Und wie dreht man ein fahrendes Auto im nächtlichen Regen? So war die Lernkurve extrem hoch.

Da hätte viel schief gehen können – ist es auch?

Marc Schießer: Na ja, es gibt oft Abstriche, Sachen die nicht klappen, wie man sich das vorstellt, aber letztlich hat alles geklappt. Im Gegenteil kam es auch mal vor, dass man ein abgesprochenes Motiv nicht bekommt und stattdessen spontan dann doch was Geileres findet. Vieles ergibt sich dann im Geschehen.

Tantalusqualen als Generalprobe

Und das Team – inzwischen eingespielt?

Marc Schießer: Viele waren schon bei den Musikvideos dabei. Und Tantalusqualen war quasi die Generalprobe, da gab’s schon feste Rollen für Produktionsleiter und Aufnahmeleiter, Dispos und dergleichen, der ganze Quatsch. Aber auch wenn wir da noch dachten: wow, ist das alles krass, Unterwasser-Aufnahmen und sowas – im Vergleich zum neuen Film war das doch sehr easy. Schon fast ein Fun-Dreh. Deshalb kannten wir uns alle schon, und es entwickelte sich auch voll schnell eine Dynamik im Team. Kaum vorstellbar wie’s erst sein muss, wenn man richtig 60 Tage und so dreht. Man ist rund um die Uhr mit diesen Leuten zusammen und macht die ganze Zeit nichts anderes als diesen Film. Schon ne geile Erfahrung. Will jetzt nicht anfangen mit „wir waren eine große Familie“ und so – aber ehrlich gesagt, ja. Waren wir.

Erfahrungen vs. Erwartungen, wie steht es damit?

Marc Schießer: Ich würd’s auf jeden Fall sofort nochmal machen. Am Anfang war ich natürlich nervös, weil so viel Geld dahinter steht, so viele Leute, die davon abhängen, aus Städten angereist kommen – und wenn die einem 10 Tage ihres Lebens zur Verfügung stellen, teilweise dafür Urlaub genommen haben, spürt man schon einen anderen Druck, als wenn man einfach mal so für sich nebenbei ein Filmchen dreht. Oder ein Musikvideo. Also war ich nervös, gerade am Anfang, wollte auch professionell wirken und so. Der erste Tag war dann interessant, weil erstmal nur der Hauptdarsteller alleine da war. Es waren auch nur Szenen, in denen er noch nichts sagen musste. Deshalb war ich tierisch gespannt, wie der die Rolle sprechen wird. War ja kein richtiges Casting mit ihm.

Es ging also quasi auf einer Toilette los, die wir erstmal dreckig machten mussten, weil die viel zu klinisch rein war. Wir haben die dann vollgeschmiert, mit Markern mit Naziparolen und sowas. War ne Kotzszene, die im Film um vier Uhr nachts spielt. Damit ging’s los. Die Nervosität fiel ganz schnell ab, vermutlich nur, weil’s funktioniert hat. Die Anspannung ist ja nur gut – gibt einen enormen Adrenalinausstoß, ich meine, das waren viele Tage, in denen ich kaum geschlafen hab, immer unter Strom war. Schon interessant, wozu der Körper imstande ist – wie viel Energie man rausholen kann. Wenig geschlafen, wenig gegessen, trotzdem ging’s mir die ganze Zeit super. Als Regisseur gibt’s ja nicht das dich mehr begeistert, als einen Film machen zu können – da ist man einfach voll da.

Man fällt in ein Loch

Merkt man nach dem Dreh, wie die Anspannung abfällt?

Marc Schießer: Ja, auf jeden Fall! Danach fällt man erstmal in ein riesen Loch. Da fühlt man sich komplett nutzlos.

Wie war denn die Chemie zwischen den Schauspielern von Die Dinge die waren?

Marc Schießer: Wir wollten eigentlich vorher ein Treffen arrangieren, aber das hat zeitlich nicht funktioniert, weil wir ihn ja erst sehr kurzfristig gefunden haben – und sie war total eingebunden in andere Projekte. Wir wollten das nutzen, um Fotos zu machen, von der gemeinsamen Beziehung, die man dann schon als Requisiten vorbereiten kann. Kostümproben und so. Na ja, klappte halt nicht.  Die haben sich also am Set kennen gelernt – und dann noch zuerst eine Telefonatszene gedreht, in der die beiden tatsächlich telefoniert haben. Eine der wenigen Handkamera-Einsätze, bei ihr. Ich hab ihm ein paar Anweisungen gegeben und bin dann ein paar Räume weiter gegangen, zu ihr. Das war die erste Szene, haben sich gut verstanden, alles palletti.

Zu guter Letzt, schlicht und einfach, womit habt ihr gedreht?

Marc Schießer: Canon 7D, Privatbesitz vom Kameramann. Hatten ursprünglich mit zwei Kameras geplant, aber der zweite Kameramann ist abgesprungen. Trotzdem haben wir uns für Szenen mit extrem vielen Einstellungen oder Schuss-Gegenschuss-Momenten in Dialogen noch eine 60D dazugenommen, Wie viel wir tatsächlich aufgenommen haben, weiß ich nicht. Hab’s nur bei einer Szene aus Jux ausgerechnet und da war’s ein Drehverhältnis von 75:1. Dreieinhalb Stunden für eine Szene, die nur zwei Minuten lang ist, oder so. So um den Dreh.

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