Fernstudium Tagebuch

Lernmarathon, Tag 1: Drei Philosophen und ein Knittelvers

Was für ein Kontrastprogramm: Vergangene Woche war ich auf einen kurzen Abstecher in Berlin, zur Preisverleihung des 99Fire-Films Award 2018. Eine Glitzer-Glamour-Sause mit ’ner Wagenladung Gold-Konfetti und so viel Tiefgang wie Franky’s Fi**parade. Aber schön war’s, schön absurd. Zurück in NRW prompt: Philosophie-Seminar in Hagen. Zwei Tage lang Hegel und Kant, Kaffee und Kopfzerbrechen. Jetzt läuft der Lernmarathon: 10 Tage durchpauken, zwei Klausuren rocken. Angefangen bei null Konzentration. Wie war der Start?

Erwartungsgemäß bescheiden. Wie komme ich überhaupt in die höchst unglückliche Situation, zwei Klausuren in einer Woche schreiben zu müssen? Wo ich mir doch vergangenes Semester klipp und klar gesagt habe – bei nur einer Klausur, nämlich P1 (Philosophie, Modul 1) – es reicht. Mehr Stoff kriegst du niemals auf Abruf in deine Birne. Bevor ich meinen Fehler schuldbewusst darlege, ganz kurz:

Wie funktioniert so ein Fernstudium?

Wer bei der Fernuniversität Hagen den Studiengang Kulturwissenschaften belegt, hat die Wahl, das als Teilzeit- oder Vollzeitstudent zu tun. Man entscheidet sich für etwa 20 oder etwa 40 Wochenstunden Lernaufwand (wobei das grobe Richtwerte sind, jede/r bringt sein eigenes Maß an Motivation und Methode mit). Zu Beginn eines Semester belegt man über einen Online-Zugang sogenannte Module. Der Studiengang Kulturwissenschaften umfasst die Fächer Geschichte (mit den Modulen G1, G2, G3…), Literaturwissenschaft (L1, L2, L3…) und Philosophie (P1, P2, P3…). Wenn man ein Modul belegt, kriegt man einen Schwung Kurshefte zugeschickt, die man über ein halbes Jahr durcharbeitet. Abschließend legt man dazu eine Prüfung ab. Wer sich für Vollzeit entschieden hat, wählt einfach zwei Module und bearbeitet doppelt so viel Material, wobei sie die Prüfungsformate unterscheiden können: Klausur, Hausarbeit, mündliche Prüfung.

Vergangenes Semester (Sommersemester 2017) habe ich P1 und G2 bearbeitet. P1 war meine erste Beschäftigung mit Philosophie und mündete in eine Klausur. G2 war mein (nach G1) etwa vertiefender Ausflug in die Geschichte, in Form einer Hausarbeit über mittelalterliche Wappen. Vom Arbeitspensum her war das deshalb zu schaffen, weil die Hausarbeit ein paar Wochen vor der Klausur abzugeben war. Eine Schublade schließen, die nächste öffnen, so sah das in meinem Kopf aus. Einigermaßen sortiert.

Fünf Minuten dumm

Da dachte ich: Yay, machste so weiter! Es war mein erstes Vollzeit-Semester nach zwei Teilzeit-Semestern. Mein Gedanke war: Solange es unterschiedliche Prüfungsformen sind, wirste das schon irgendwie wuppen. Und während L1 (mein erstes Eintauchen in die Literaturwissenschaft) mit einer Klausur abzuschließen ist, wird P2 ja BESTIMMT eine Hausarbeit geschrieben. Also kein Problem, beide Module, her damit, wird schon. Die Recherche, um meine Annahme bezüglich P2 zu widerlegen, hätte vermutlich fünf Minuten gedauert. Aber dieser Spruch – „Fünf Minuten dumm stellen erspart oft viele Stunden Arbeit“ – der funktioniert halt in beide Richtungen.

Da sitze ich nun. Der Fernstudent, der irgendwann vor ein paar Wochen, knöcheltief im Semester, festgestellt hat: Ups, das sind ja zwei Klausuren. Beide in einer Woche. Shittyshitshit. Da muss du jetzt durch.

Eine Schublade, großes Chaos

Also meine Taktik mit zwei Schubladen im Kopf, von denen man die eine säuberlich verschließt, bevor man die nächste öffnet und blah, die ist Pustekuchen. Stattdessen liegt der gesammelte Lernstoff aus dem ersten Modul Literaturwissenschaft und dem zweiten Modul Philosophie jetzt gesammelt in meiner Murmel. Und trotz ausgefeilten Etappenlehrplans hatten die letzten paar Wochen mit Kurzfilm-Dreh und Preisverleihung die Wirkung von Turbulenzen im Flieger: Der ganze schöne Stoff in meiner einen mentalen Schublade ist völlig durcheinander geraten.

Ein Neandertaler betrachtet einen Ast, dazu der Schriftzug: Lernmarathon, Tag 1

Das Philosophie-Seminar in Hagen (ein Präsenztutorium angeleitet von Helge Köttgen, sehr empfehlenswert!) hat geholfen, ein bisschen Ordnung in Kopfchaos zu kriegen. Vom heutigen Montag an habe ich 10 Tage für meinen Lernmarathon Zeit, bevor die P2-Klausur ansteht, womit das Semester für mich feierlich zu Ende geht. Die L1-Klausur liegt gar zwei Tage vor dieser Deadline, weshalb ich der Literaturwissenschaft aktuell eine gewisse Priorität zukommen lassen sollte. Aber was Prioritäten anbelangt… ich wollte non-stopp Lernstoff durchrocken, jetzt blogge ich schon wieder… Prioritäten haben’s schwer bei mir. Mein Hirn funktioniert noch sehr wie das des Neandertalers, der jeden Ast studiert, der ihm zufällig in die Hände fällt. (Dieser Vergleich war wichtig, um das Beitragsbild zu rechtfertigen, ich hab leider auf die Schnelle kein weniger bescheuertes im heimischen Archiv gefunden).

Die Stoffmenge ist gigantisch. Ich habe heute mit kleinen Häppchen angefangen.

Heute: Recht und Lyrik

Das Thema der Rechtsphilosophie erklären können, in einer Ausführlichkeit, die ungefähr 40 handgeschriebene Minuten füllt (oder 4 computergeschriebene Seiten). Das war Punkt 1 heute. Diese vier Seiten auswendig lernen. Dann: Das Glossar zur Lyrikanalyse, rund 45 Karteikarten voll von Begriffen, mit denen ich noch den tief verwurzelten Hass meines pubertierenden Alter Egos assoziiere. Wie hab ich mich über Lyrik in der Schule abgefuckt. Es ist schwer, diese Erinnerung auszuschalten. Lieber Karius und Baktus als Daktylus und Jambus, so viel weiß ich noch.

Inzwischen hab ich aber die solide Geisteshaltung der weisen Einwohner Bocholts adaptiert, meiner pragmatischen Heimatstadt, in der man auf Platt sagt:

Wat mutt, dat mutt.

Lernmarathon, Tag 1 von 10

Piepegal also, ob mich Fichte und Hegel mich ihren Vernunftsrechtsansätzen gerade nicht brennend interessieren, piepegal auch, dass ich Knittelvers und Hexameter vielleicht nie wieder brauch‘ – der Rummel wird jetzt gelernt! Wie systematisch das abläuft und welche Erfolgschancen ich mir ausrechne, darüber prokrastiniere ich hier ein andermal weiter. Jetzt zwingt mich mein schlechtes Gewissen zurück an die kotzgrünen Karteikarten: „Enjambement“, „Terzinenreim“, „Trochäus“ … davon werd‘ ich heut‘ Nacht Träumen. Und dieses kecke Weglassen vom „e“ am Ende der Wörtchen, das nennt man übrigens Elision im ersten Fall (werd‘ ich) und Apokope im zweiten Fall (heut‘ Nacht) – worin der Unterschied liegt, erklär‘ ich (Elision!) dann morgen.

Apropos: Hier ein Beitrag darüber, was einen guten von einem schlechten Cliffhanger unterscheidet (leider ohne Lösung, ehrlich gesagt). Demnächst dann ein Beitrag über Spoiler.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Mal ne kleine Anekdote aus meinem Studium (E-Technik): hab gestern ne Prüfung im Zweitversuch geschrieben. Geht um analoge Schaltungen in C-MOS-Technik etc. Die Klausur besteht aus 4 Aufgaben, die 1-zu-1 aus den Übungen übernommen werden. Aber die Anzahl der in den Übungen gerechneten Aufgaben ist SEHR groß. Die Klausur wird sehr streng bewertet. Also wirklich nach dem Motto: Du hast hier am Anfang der Aufgabe vergessen eine komplexe Größe zu unterstreichen. Du hast offenbar die Aufgabe nicht verstanden! Null Punkte. Es gibt Leute, die mit 1.0 bestehen aber die lernen das einfach alles auswendig, und haben nach eigener Aussage NICHTS verstanden. Ich wollte das verstehen und habe das ganze Semester geackert. Leider habe ich in der Klausur gestern an zwei Stellen die Aufgabe nicht reproduzieren können (Lösungsweg wird natürlich nicht bewertet, nur das Ergebnis). Jetzt bange ich (wieder) um mein bestehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.