Film

Filmtipp: Hin und weg (Christian Zübert, 2014)

Zuletzt aktualisiert am 2. April 2018 um 10:36

Zuletzt gesehen: Hin und weg. Eine Tragikomödie aus dem Jahr 2014, über die ich jetzt spontan bei Netflix gestolpert bin. Das waren 95 Minuten, die ich sehr genossen habe – und das, nachdem ich durch den exzessiven Filmkonsum in den vergangenen Tagen vollends hätte abgestumpft sein müssen. Stattdessen Lachen, Tränen, Grübeln, das volle Programm. Hier geht’s zum Filmtipp.

Hinweis: Liebe Leser*innen, erst der letzte Absatz enthält Spoiler, davor wird nochmal entsprechend gewarnt. Bis dahin, entspanntes Lesen!

Persönlicher Kontext

Den Film Hin und weg habe ich am Montag, 26. März auf Netflix gesehen – nach einer im wahrsten Sinne des Wortes eindrucksvollen Woche bei der Jurysitzung zum Deutschen Jugendfilmpreis, in der wir Dutzende Filme gesichtet haben. Am Wochenende dazwischen sah ich noch die Filme Rückenwind von vorn (2018) (auf Kinotour in Aachen, im Apollo Kino gesehen), Mamma Mia! (2008) und Expedition Happiness (2017) (beide ebenfalls via Netflix). Unter diesem Eindruck fiel die Wahl am Montagabend spontan auf Hin und Weg (2014). Über den Film wusste ich vorher nur, dass es um eine Krankheit und eine Radtour geht und Florian David Fitz mitspielt. Den Trailer habe ich im Erscheinungsjahr gesehen und zum Glück wieder vergessen.

Meine Annahme, Fitz habe den Film auch selbst inszeniert, wurde schon im Vorspann widerlegt. Das stimmte mich kurz ein wenig enttäuscht, weil ich Fitz als Allrounder vor und hinter der Kamera durchaus schätze. Die Filme Vincent will Meer (2010; Hauptrolle, Drehbuch) und Der geilste Tag (2016, Hauptrolle, Drehbuch, Regie) von und mit ihm fand ich jedenfalls sehenswert.

Standbild aus dem Film »Hin und weg« | Bild: Wolfgang Ennenbach / Majestic

Erster Eindruck

Christian Zübert ist der Regisseur von Hin und Weg, so steht es im Filmvorspann. Zu dem Track What You’re Thinking von Passenger (aka Mike Rosenberg, der britische Singer-Songwriter hat mehrere Singer-Songs zum Soundtrack beitragen) werden die Charaktere des folgenden Films etabliert. Stilistisch wurde dazu eine Splitscreen-Montage gewählt. So lernen wir kennen, in den knapp ersten vier Minuten:

Who is who?

Hannes (Florian David Fitz), der nachts auf sein Trimmrad steigt und sich dort radelnd abquält. Vom Schlafzimmer aus sieht seine Freundin Kiki (Julia Koschitz) ihm zu. Draußen prasselt der Regen gegen die Fenster, drinnen sorgt gelbes Licht für eine bedrückte Atmosphäre.

Dominik (Johannes Allmayer) greift seiner schlafenden Frau Mareike (Victoria Mayer) an die Brust und flüstert was von »Hutzelfreitag«. Doch sie dreht sich weg, ist müde. Wenig später erwischt sie ihn, als er sich am Laptop auf Pornos einen runterholt.

Finn (Volker Bruch) treibt’s indes etwas wilder, hängt betrunken aus der Seitentür eines fahrenden Wagens. Er johlt und feiert, der jüngere Bruder von Hannes, als den wir ihn später kennenlernen.

Michael (Jürgen Vogel) öffnet die Tür zu seiner Werkstatt im freien Oberkörper, muskulös, tätowiert, vor der Tür steht eine Frau. Sie regt sich darüber auf, dass er sie nach sechs Wochen via SMS abserviert hat. Er fängt ihren Ärger ab, indem er sie hinein bittet. Was folgt, ist vermutlich ein »ordentliches Schlussmachen« mit letztem Mal und Zigarette danach und allem Pipapo. Michael ist also der Womanizer.

Exposition

Diese sechs Freunde unternehmen eine Radtour – jedes Jahr, offenbar. Dieses Mal durften Hannes und Kiki das Ziel wählen. Belgien soll’s werden, Ostende. Das fuckt den Rest der Clique ein bisschen ab, Belgien sei doch zum Sterben langweilig. Und in der Tat haben Hannes und Kiki das Ziel nicht gewählt, weil man dort so toll Party machen kann…

Der Grund, warum die Radtour ausgerechnet nach Belgien gehen soll, wird nach einer viertelstündigen Exposition im Rahmen einer Esstisch-Szene mit versammelten Ensemble gelüftet. Von da an ist klar, woher der Wind weht und was es mit dieser besonderen Reise auf sich hat. Wenige Minuten nimmt diese Schlüsselszene in Anspruch, in der die Clique hin und her gerissen darüber ist, ob sie die Radtour überhaupt antreten soll. Ziemlich exakt ein Viertel des Films ist rum (und damit der erste Akt dieser nach klassischer Dramaturgie erzählten Geschichte), als die Freunde sich entscheiden: Wir fahren los!

Wirkung des Films

Es handelt sich bei dem Film Hin und weg um eine Tragikomödie, bei der ein tragischer Plot mit tragischem Grundtenor von komischen Momenten aufgelockert wird, sehr gekonnt. Der Film hat mich wohl auch in der richtigen Stimmung erwischt. Das Spiel der Hauptdarsteller lädt zum herzhaften Lachen ein. Zwischenzeitlich ergänzt Miriam Stein den Cast, denn Mannsbild Michael reißt natürlich, obwohl in Damenkleidern steckend, eine Frau auf. Diese Szene und ein Ausflug in einen Swingerclub bilden zwei Ausreißer, bei denen die Geschichte leicht aus ihren bis dahin so authentischen Bahnen ins Übertriebene hätte ausschlagen können.

Stattdessen gelingt Regisseur Christian Zübert der Balance-Akt: Seine Figuren bleiben so echt, wie’s im Film eben geht. Ich hatte das Gefühl, auf eine Radtour ganz normaler, kauzig-sympathischer Leute mitgenommen zu werden. Die Spannungen und Späße zwischen ihnen kommen so glaubwürdig daher, dass man den Eindruck nicht loswird, die Schauspieler müssten doch im Privaten auch miteinander rumhängen. Die Chemie in dieser Clique stimmt – und damit ist das tragende Element dieses Films gelungen.

Rundum gelungen

Die Geschichte ist kurzweilig, sehr unterhaltsam und hat es tatsächlich geschafft, mich zum Heulen zu bringen. Das passiert so selten, dass man es ruhig mal zugeben kann. Gelungen ist dem Film das, in dem er gekonnt und (zwischenzeitlich) unerwartet beklemmende Situation geschaffen und aufgelöst hat, so dass man sich trotz vorhersehbarem Plot nie ganz sicher sein konnte, was das emotionale Fahrwasser angeht. In den entscheidenden Momenten bleibt der Pathos außen vor, der Musik-Einsatz ist passend gewählt und zum passenden Zeitpunkt eben weggelassen. Wenn die Tränen in einer Szene kommen, die keine musikalische Unterlage braucht – dann spricht das sehr für den Film.

Und apropos Tränen-Szene: Die kleine Rolle von Hannelore Elsner trägt zur großen Klasse dieses Films bei. Durch die Bank tolle Schauspieler in diesem Werk! Genug geschwärmt. Hier ist der Soundtrack, zum Reinhören:

– im nächsten Absatz wird über das Thema des Films geschrieben,
also: Spoiler-Alarm!

Thema des Films

Ich empfehle sehr, den Film ohne zusätzliche Infos und bestenfalls ohne Blick in den Trailer zu schauen. Dann ist man in besagter Schlüsselszene, in der das Ensemble gemeinsam am Tisch sitzt und Hannes sein Geheimnis lüftet, genauso überrumpelt, wie seine Freunde – und kann sich mit ihnen zusammen diesem Thema nähern. Hannes leidet an der Krankheit ALS, an der auch schon sein Vater gestorben ist. Weil er dessen Schicksal miterlebt hat, steht Hannes‘ Entschluss fest: Er will selbst gewählt abtreten. Der Termin beim Sterbehelfer in Belgien ist bereits festgelegt. Seine Freunde sollen ihn auf seiner letzten Reise zu eben diesem Termin in Ostende begleiten.

2013 und 2014 machte ein Gesetzesentwurf aus Belgien hierzulande Schlagzeilen, der Sterbehilfe auch für Kinder vorsieht. Unter anderem DIE ZEIT und die FAZ berichteten darüber. Anfang dieses Monats war ein empörter Blogeintrag über die hohe Zahl derjenigen zu lesen, die Sterbehilfe in den Niederlanden in Anspruch genommen haben (über 6500 Menschen im Jahr 2017):

Bei allem Respekt vor der Gewissensentscheidung des Einzelnen ist das Lebens- und Menschenbild, das aus dieser Diskussion spricht, für mich doch schwer nachvollziehbar. Schon die Demut vor dem Wert des Lebens gebietet es doch eigentlich, es nicht vorzeitig zu beenden. | Gabriele Höfling: Wo Sterbehilfe ganz normal ist

Der Wert des Lebens

Nun schreibt Höfling aus einer dediziert katholischen Sichtweise. Dass mit dem Glauben an ein von Gott geschenktes Leben das von Menschen genommene Leben nicht gut einhergeht, kann ich verstehen. Mich wunderte die hohe Zahl erst, als ich gelesen habe, dass in den Niederlanden keine Sterbehilfe für Deutsche (wie es in dem Film Hin und weg mit Belgien gezeigt wurde) möglich ist. Die etwa 6500 Menschen, die 2017 in den Niederlanden Sterbehilfe bekommen haben, waren dort wohnhaft und krankenversichert. Bei einer Bevölkerung von über 17 Millionen Menschen handelt es sich dabei um etwa 0,038 Prozent. Ungefähr 1 von 2600 Menschen hat entschieden, dass er sein Leben mit professioneller Hilfe beenden möchte.

Was soll die ganze Zahlenschieberei? Es hilft mir nur, die erste Zahl – 6500 – irgendwie ein Relationen zu rücken, um sie nicht als einzigen Anker in meinem Kopf zu haben. Trotzdem geht es natürlich um Menschenleben, von denen jedes einzelne mit Würde behandelt werden sollte. »Etwa 6500« ist da schon eine schreckliche Abrundung meinerseits.

Demut vor dem gefühlten Wert

Ich habe das Glück, gesund zu sein. Wenn ich mal Erkältung oder Grippe habe, fühle ich mich drei Tage vom Schicksal misshandelt – und denke trotzdem schon währenddessen: was für ein Glück… kommt drei Tage, bleibt drei Tage, geht drei Tage, mit dieser Faustregel hab ich noch jede kleine Beschwerde überstanden. Ich finde Dante Alghieris Vorstellung von »35 Jahren als die Mitte des Lebens« ja ganz nett, möchte selbst aber die 100 Jahre knacken, auch wenn meine Ernährung nicht jeden Tag danach aussieht.

In der Diskussion über den Wert des Lebens und was Würde ist, erscheint mir jede aufkeimende Meinung in meinem ahnungslosen Hirn anmaßend. Wer bin ich schon, für andere Menschen zu sprechen, denen es vielleicht jeden Tag ihres Lebens tausend Mal übler geht, als mir im Erkältungsfall? Oder für Menschen, die nicht mehr in Seelenruhe hoffen können, wie viele Jahre sie »knacken« können oder wollen, sondern es vorgerechnet kriegen und mit diesem Wissen weiterleben müssen.

Im Film Hin und weg werden Grundsatz-Diskussionen über Sterbehilfe nur angeschnitten – und wenn, dann mit ziemlich klaren Positionen. Ich bin froh, dass der Film so authentisch geraten ist. Er fühlt sich sehr realitätsnah an. Das lädt dazu ein, von Hannes‘ Geschichte ausgehend die eigenen Gedanken zum Thema Sterbehilfe weiterzudenken. Ob man nun darüber mitreden möchte oder nicht.

Wer einen Verriss des Films lesen möchte, den gibt’s natürlich auch. Roland Müller von der Stuttgarter Zeitung kann Hin und weg nicht viel Positives abgewinnen. Was er schreibt, liest sich bitter:

Das Sterben, eingemeindet in den Lifestyle der Spaßgesellschaft: der Regisseur vergibt die Chance eines ernsthaften Beitrags zur Ethik-Debatte. | Roland Müller: Sterbehilfe leicht gemacht

Liest sich für mein Empfinden so, als habe da jemand eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie man vom Sterben erzählen sollte – und wie nicht. Ist mir etwas zu wenig für ein Thema, das jedes von uns sterblichen Wesen angeht. Da werden doch ein paar unterschiedliche Sichtweisen erlaubt sein.

Fazit zu Hin und weg

Ein Film über Mitglieder der Spaßgesellschaft, ja, mag sein – aber so what? Die haben halt Spaß am Leben und wollen daran festhalten. Wenn nicht am Leben, wegen einer scheiß Krankheit, dann wenigstens am Spaß. Trotzdem gelingt es dem Film sehr, nichts zu Beschönen. Manch Kritiker wirft dem Film vor, er zeige zu wenig vom Leiden des Protagonisten. Doch es geht nicht um die Krankheit ALS. Es geht um das Abschied nehmen, von Familie, Freunden und dem Leben. Dieses Thema behandelt der Film einfühlsam und eindrucksvoll.

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