KINDER TÖTEN | Kurzfilm 2011

Der Kurzfilm Kinder töten (Killing kids) ist im Jahr 2011 entstanden. Im Zentrum steht das Thema Selbstjustiz, mit dem die drei jugendlichen Hauptfiguren beim Streunen im Wald konfrontiert werden. Dieses Projekt ist eine Amateurfilm-Produktion – mit Cast und Crew ohne professionellen Hintergrund. 2012 wurde Kinder töten auf dem International Short Film Festival (ISFF) Detmold aufgeführt.

Das ISFF Detmold widmet sich überwiegend nichtkommerziellen Kurzfilmen. Neben Dokumentation und Animationen auch (zuweilen experimentelle) Kurzfilme von bis zu 15 Minuten Spieldauer. »Von großen Premieren bis zu Low-Budget-Produktionen, vom engagierten Spielfilm bis zur aktuellen politischen Dokumentation, vom restaurierten Klassiker bis zu ersten Arbeiten unbekannter junger Talente ist alles vertreten«, schreiben die Veranstalter über das Festival. Als knapp achtminütiger No-Budget-Film hatte unser Kurzfilm Kinder töten das Glück, ins Programm aufgenommen zu werden.

Poster zum Kurzfilm Kinder töten
Poster zum Kurzfilm Kinder töten

Gedreht wurde der Kurzfilm größtenteils mit einer Canon XL2 (wie auch schon die Kurzilme Die gefesselte Braut und Die kalte Mieze aus dem Jahr 2010). Außerdem habe ich für den Prolog und den Epilog – die Aufnahmen mit den Kindern – erstmals eine DSLR (eine Nikon D90) verwendet. Apropos Technik: Die Schlagfalle, die im Film zum Einsatz kommt, wurde von zwei findigen Teammitgliedern aus Altmetall gebastelt.

Kinder töten – zum Inhalt

Kurz und knackig: Drei Kids stoßen im Dickicht des Waldes auf einen gesuchten Kindermörder. Oder ist er’s doch nicht? Der Mann steckt hilflos in einer Schlagfalle fest. Sein Schicksal liegt in den Händen der Jugendlichen.

Synopsis: Zwei Kinder töten beim Spielen einen Fisch – und beerdigen ihn feierlich. Auf dem Rückweg gerät eines der Kinder, ein achtjähriges Mädchen, in die Hände eines unbekannten Mannes. Sie verschwindet spurlos. Drei Jugendliche, die im Wald herumstreunen, hören im Radio von der Suche nach dem Kind.

Nur wenige Minuten später stolpern sie über einen Mann (Manuel Bors), dessen Bein in einer Schlagfalle steckt. Er hat viel Blut verloren und wimmert vor sich hin. Neben ihm: Ein Spaten und eine Plastiktüte – darin die Kleidung eines Kindes. Die Jugendlichen geraten in Streit. Sollen sie die Polizei rufen? Oder sollen sie sich selbst um den Mann kümmern?

Den Kurzfilm gibt es auf meinem YouTube-Kanal zu sehen – und gleich hier, in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln:

Notizen zum Kurzfilm

Der Arbeitstitel des Kurzfilms Kinder töten lautete The Trap. Unter dieser Überschrift liegt in einem Notizbuch aus dem Jahr 2011 noch die erste Niederschrift der Filmidee vor. Zu Dokumentationszwecken – um zu zeigen, wie sie sich der Film von der ersten Idee bis zur finalen Fassung noch gewandelt hat – folgt hier ein wortgetreues Transkript dieser ersten Notizen zum Film:

ARBEITSTITEL: THE TRAP

Ein kleines Mädchen allein auf dem Spielplatz. Es sitzt im Sandkasten, spielt und singt. Im Hintergrund setzt sich ein Mann auf eine Bank und schaut zu. ODER: Mädchen mit Schultasche läuft nach Hause (schiebt Kinderfahrrad mit platten Reifen?) und wird von einem Wagen verfolgt, der ihr sozusagen hinterher rollt. Im Auto läuft das Radio. Der Song geht beim Titel in Nachrichten über: Die Polizei fahndet intensiv nach einem roten Chevrolet. Passanten wollen die seit zwei Tagen vermisste Maite in einen solchen Wagen einsteigen gesehen haben. 

Diese Nachrichten hören drei junge Freunde. Sie machen mit ihren Mountainbikes Rast auf einer Lichtung im Wald. Sie trinken was, rauchen und lauschen dem Radio. 

»Jede Wette, dass die nicht mehr lebend auftaucht.«
»Um sowas wettet man nicht.«
»Ist doch so.«
»Hier in der Gegend… wenn ich mir vorstelle, dass würde meiner Schwester passieren…«
»Schalt mal um, irgendwo wird doch Musik laufen.«
»Wie weit sind wir jetzt eigentlich?«
»Noch nicht mal nah dran am Zeitplan. Bei unserem Schneckentempo und den ganzen Pinkelpausen.«
»Apropos, ich bin mal pinkeln.«
(sie:)»Es ist rattenkalt.«
»Willst du’n Kaffee? Selbstgebraut.«

Drei Jugendliche unter Alkoholeinfluss

Sie nimmt ne Tasse an, spuckt’s aber gleich wieder aus, oder so.

»Was ist das?«
»Coffee. Irish Coffee.«
»Mit wie viel Rum? Das trinkt ihr doch schon den ganzen Tag!«
»Das hält warm.«

Erik geht pinkeln. Dabei hört er Stöhnen und Seufzen, als würden da zwei miteinander schlafen. Er schaut hinter dem Gebüsch nach und da liegt ein Mann in einer großen Blutlache – eine Wildererfalle hat zugebissen wie’n Krokodil. 

»Oh mein Gott, was ist Ihnen denn passiert?«

Porträt des Schauspielers und YouTubers Manuel Bors aus dem Kurzfilm »Kinder töten«

Er will dem Mann helfen. Dann fällt ihm der Spaten auf. Und die Tüte, aus der gelber Stoff herausragt. Zuletzt sieht er den Wagen und der Groschen fällt. | Lara und Finn reden noch. Erik steht plötzlich wieder da:

»Kommt man mit.«

Die Drei stehen vor dem Mann und starren ihn an.

Lara:»Oh fuck. Ruf’n Krankenwagen!«
Erik:»Nein.«
Finn:»Diese Fallen sind doch verboten.«
Lara:»Wie – nein!?«
Finn:»Waren bestimmt Wilderer, scheiße.«
E:»Nein, wir rufen keinen Krankenwagen!«
L:»Der schwimmt in seinem Blut, um Himmels willen! Wir rufen jetzt einen Krankenwagen, oder willst du da mit deinem Erste-Hilfe-Koffer ran?«
E:»Schaut doch mal genauer hin!«
F:»Der fährt ’n roten Chevrolet.«

Der Wut und Willkür ausgeliefert

Jetzt schnallen die anderen, wen sie vor sich haben.

»Selbstjustiz ist verboten!«
»Das ist keine Selbstjustiz. Selbstjustiz wäre, wenn der Vater des Mädchens diesen Kerl fertig machen würde. Das hier ist mehr als air! Wir sind seine Geschworenen, seine Richter und seine Henker!«
»Seine Henker? Willst du ihn umbringen, oder was?«
»Hat er’s etwa anders verdient!?«
»Denk doch mal nach – für Mord gehst du selbst hinter Gitter. Ist es das wert?«
»Wir sind hier mitten in der Pampa. Niemand könnte uns das je nachweisen!«
»Du hast hier gerade hingepisst, du Penner! Du wärst schneller im Knast, als du bis Drei zählen könntest!«
»Und außerdem wissen wir doch gar nicht, ob er sie umgebracht hat. Vielleicht versteckt er sie im Kofferraum.«
»So ein Quatsch…«
»…der hat sie längst verbuddelt! Warum hast du das getan, he? Hast du sowas schon öfter gemacht? Macht dich das geil, du Tier!?«
»Ich hab nichts getan. – antwortet der Mann in der Falle immer wieder. Er wirkt geistig nicht ganz auf der Höhe.«
»Was hast du mit ihr angestellt?«

Die Kleider des Mädchens

Erik tritt ihn immer fester.

»Der ist doch schon so gut wie tot! Mach keinen Scheiß, Mann – du hast keine Beweise!«
»Das sollen keine Beweise sein?«

Er zeigt die Tüte mit ihren Klamotten.

»Lass das liegen – du verwischst die Spuren.«
»Siehst du? Du weißt es auch! Was zum Teufel hast du Dreckskerl getan?«
»Die gehören mir nicht!«
»Natürlich nicht – die gehören dem Mädchen!«
»Ich hab das gefunden!«
»Beim verdammten Pilze-Sammeln? Hast du einen verdammten Spaten, die Mädchenklamotten und den Wagen gefunden???«
»Ich hab die Sachen im Auto gefunden!«

Das Urteil

Sie gehen zum Kofferraum und schauen nach. Dort hören die Jungs die Nachrichten. In der Nähe wurde eine Mädchenleiche gefunden, die Polizei durchstreift den Wald. Die Jungs zurück bei Mann und Mädchen:

»Das Mädchen ist tot. In spätestens 20 Minuten sind die hier. Dann machen die ihn los, flicken ihn wieder zusammen, sperren ihn in eine warme Zelle. Die füttern ihn, pflegen ihn und in drei Jahren kommt er wegen guter Führung auf Bewährung frei.«
»Finn: Du hast Recht.«

Erik nimmt den Spaten und dem Mädchen wird schlecht. Sie verschwindet im Dickicht und muss sich übergeben. Plötzlich wird sie auf einen Erhängten aufmerksam. 

»Oh nein, Erik, mach keinen Fehler!«

CUT. Auf Erik, der sagt:

»Ich will meinem Spiegelbild morgen noch in die Augen sehen können!«

– Egal, ob im Knast. Er erschlägt den Gefangenen mit dem Spaten.

Das Medium als Möglichkeit

Rückblickend weiß ich nicht mehr, welcher konkrete Fall es war, der es meinen Gedankengang zum Thema Selbstjustiz derart in Bewegung gesetzt hat, dass daraus ein Kurzfilm wurde. Die »Moral von der Geschicht’« – dass die Todesstrafe sich verbietet, weil man immer den Falschen haben kann – stammt auf jeden Fall aus elterlicher Prägung. Daheim wurde dieses Argument immer zur Sprache gebracht, wenn über Justizsysteme anderer Länder (mit der Todesstrafe) diskutiert wurde. Im selben Jahr habe ich ein Drama über Mukoviszidose gedreht (den Film Jakobs Weg). Insofern stellt 2011 für mein Verständnis vom Filmschaffen einen Wendepunkt dar: Ich nahm das Medium erstmals bewusst als Möglichkeit wahr, aktuelle, gesellschaftliche, politische oder sonst wie relevante Themen zu verarbeiten. (Und das im Alter von 20 Jahren… wurde auch höchste Zeit…) Bis dato war Film für mich eine Spielwiese, auf der bloß popkulturelle Einflüsse und Referenzen miteinander verwoben wurden.