Film Tagebuch

VIELLEICHT LIEBER MORGEN mit Emma Watson | Film 2012 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 11. Juni 2018 um 12:45

Gestern auf Netflix gesehen: The perks of being a wallflower. Wörtlich übersetzt: Vom Vorteil, ein Mauerblümchen zu sein. Gefällt mir. Doch irgendwelche deutschen Hirne dachten sich bei der hiesigen Vermarktung: Vielleicht lieber anders. Vielleicht ist ihnen dann nicht auf Anhieb was eingefallen. Drum heißt er hier und jetzt Vielleicht lieber morgen. Wie das Buch. Oh, ja, das… ist kein Zufall.

Die Romanvorlage ist auch unter dem Titel “Das also ist mein Leben” erhältlich. In Italien nennen sie den Film “Ragazzo da parete”, zu Deutsch “Junge von Wand (?)”, neuerdings auch “Noi siamo infinite”, also “Wir sind unendlich”. Die Franzosen kennen das Werk als “Le Monde de Charlie” – “Die Welt von Charlie” – oder “Pas raccord” – “Keine Verbindung”. Oder einfach „Charlie“, so heißt der Film in Polen. Und wenn all die schönen Länder dem Kind einen eigenen Namen geben können, was hält mich dann noch auf? Ich nenne es… „The living room routine“, zu Deutsch: „Die Wohnzimmer-Nummer“

Der Tanz aus Vielleicht lieber morgen

[nicht ganz das Original, aber eigentlich noch toller]

Ja, ja. So ist das. Ein Werk zwischen leisem Charakterdrama voller schöner Momente und vorhersehbarer Teenager-Romcom gespickt mit nervigen Genreklischees. In Sachen tragische Backgrounds für Figuren und so vielleicht ein bisschen in die Vollen gegangen. Oder über Romanlänge verteilt es sich einfach besser. Gut möglich, wohlgemerkt, dass ich nicht alles gecheckt habe – denn ich hab doch tatsächlich den Schlusstwist erst gerallt, als ich nach dem Sehgenuss nochmal den Wikipedia-Artikel überflogen habe. Sind meine Sehgewohnheiten nach einer mehrwöchigen Filmpause so kläglich zurückgebildet, dass mich ein solch konventioneller Streifen schon abhängt? Die Bildsprache – nachdem ich’s gecheckt habe, setzte sich dann auch das Puzzle der bedeutungsschwangeren Zwischenschnitte vor meinem inneren Auge zusammen – war rückblickend sehr subtil. Finde ich. Ach, wem will ich was schön reden? Shame on me, das ist doch nicht „Memento“ hier.

Also, warum „The living room routine“? Weil ich die Tanzszene fantastisch finde. Das Gesamtwerk war charmant, hatte seine Schwächen, seine Längen, seine Stereotypen und 08/15-Momente, doch im Großen und Ganzen gab es genug schöne Details, um bei Laune zu halten. Wenn so ein Film dann allerdings eine Szene enthält, die ich mir bei Youtube immer und immer wieder anschaue und so schnell nicht vergessen werde – so werde ich den Film in allen Ehren halten. Was will man denn mehr? Womöglich sehe ich Emma Watson einfach gerne tanzen. Beste Szene in allen „Harry Potter“-Filmen? Im Zelt, zu Nick Cave. Keine Frage. Aber das hier gefällt mir glatt noch besser, so over the top und hart an der Grenze zum Ganzkörpertourette: Das wilde Armgefuchtel, die Überzeugung, die Schultern, das Licht, die Blicke, Emmas Kleid und die Attitüde „Ja, es mag bescheuert aussehen, aber nicht so sehr wie DU!“

Ach, und American Horror Story hat mir den Film versaut. Wenn mich jemand fragen würde, dürfte Dylan McDermott seine Karriere jetzt getrost an den Nagel hängen. Wann immer ich ihn in einem Haus sehe, gibt es für mich eigentlich keinen Grund mehr, in diesem Haus zu bleiben. Einmal Psycho, immer Psycho, guter Mann. Den harmlosen Familienvater kannst du dir sonstwo hinstecken. Obwohl… im Anbetracht der Tatsache, dass diesem Vater mit seinem herrlich trockenen Humor und den finsteren Blicken ja durchaus etwas Unberechenbares und Bedrohliches anheften sollte… war er vielleicht die perfekte Wahl für „The living room routine“.

Charlie: Dad, can I have 30 dollars?
Vater: 20 dollars? What do you need 10 dollars for?


Nachtrag: Nachdem ich den Film im Frühjahr 2018 noch einmal gesehen habe, muss ich beschämt feststellen: Diese Besprechung zu Vielleicht lieber morgen hätte ich vielleicht lieber anders verfasst. Mein banaler Blubb wird dem Film nicht gerecht, da muss ich zu einem späteren Zeitpunkt nochmal ran.

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