Philosophie Zukunft

EIN MANIFEST FÜR CYBORGS von Donna Haraway | Essay 1985 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 19. September 2018 um 10:39

»Cyborg« steht für cybernetic organism, oder: kybernetischer Organismus. Kybernetik ist die Wissenschaft der Steuerung, sei es von Maschinen oder Organismen. Gemeint ist mit »Cyborg« ein Wesen, das teils organisch, teils technisch ist. Im engsten Sinne werden Menschen mit künstlichen Körperteilen Cyborgs genannt. Im weitesten Sinne kann man alle Menschen, die mit Technik interagieren, unter Cyborgs fassen. Demnach uns alle, die wir seit der kognitiven Revolution vor rund 70.000 Jahren die Werkzeuge nutzen, die unser Leben bequemer machen. Insofern geht es scheint uns alle etwas an, wenn Donna Haraway Ein Manifest für Cyborgs schreibt. Selbst dann, wenn das schon über 30 Jahre her ist.

Fantastischer Widerstand

Doch der Schein trügt. Donna Haraways Manifest aus dem Jahr 1985 – Untertitel: Feminismus in Zeiten der Technowissenschaften – richtet sich nicht unbedingt an uns alle. Die Ewiggestrigen dürfen wie gehabt ihren Hobbys frönen, lasst euch nicht stören. Auch nach 30 Jahren ist Haraways prophezeite Welt aus Ein Manifest für Cyborgs noch nicht eingetreten. Obwohl wir der Sache spürbar näher kommen.

Der Begriff »Cyborg« wird in Ein Manifest für Cyborgs auf zweierlei Weise verwendet. Zum Einen für die technologisch-organischen Wesen, die Wissenschaft und Technologie seit Jahrzehnten hervorbringen. Eher als ihre willenlose Objekte, denn als eigensinnige Subjekte. Zum Anderen sind Cyborgs in der Postmoderne lebende Menschen wie die feministische Erzählfigur, die Haraway in Ein Manifest für Cyborgs auftreten lässt.

Wann immer mit »Cyborg« nicht jenes Wesen, sondern diese Erzählfigur gemeint ist, heißt es in der mir vorliegenden Übersetzung1 »die Cyborg«. Eine schöne Idee, die deutsche Sprache in all ihrer Präzision zur Geltung kommen zu lassen. (Zumal eben diese Präzision in Gender-Fragen meist eher für Unbehagen sorgt, bei dem oder der Anwender*in unserer allzu phallogozentrischen Sprache.)

Ich plädiere dafür, die Cyborg als eine Fiktion anzusehen, an der sich die Beschaffenheit unserer heutigen gesellschaftlichen und körperlichen Realität ablesen läßt. | S. 342

3 Grenzen brechen zusammen

Donna Haraways Cyborg-Mythos handelt »von überschrittenen Grenzen, machtvollen Verschmelzungen und gefährlichen Möglichkeiten, die fortschrittliche Menschen als einen Teil notwendiger politischer Arbeit erkunden sollten« (S. 39). Sie beginnt ihr Essay Ein Manifest für Cyborgs mit der Erläuterung von 3 Grenzziehungen und deren Zusammenbrüchen im 20. Jahrhundert. Es geht um die Grenzen zwischen:

  • Mensch und Tier
  • Tier-Mensch (Organismus) und Maschine
  • Physikalischem und Nicht-Physikalischem
Affinität statt Identität

Ein Manifest für Cyborgs kritisiert traditionelle Vorstellungen des Feminismus, vor allem den feministischen Fokus auf Identitätspolitik (mehr dazu im Abschnitt »Donna Haraways Kritik am Feminismus«). Stattdessen ermuntert Haraway unter der Parole »Affinität statt Identität« (S. 41) zu einer Koalition von Wesensverwandten. Affinität steht hier für eine Beziehung auf Grundlage einer Wahl, nicht etwa einer Verwandtschaft. Insofern nutzt Haraway das Bild von »einer Cyborg«, um Feministinnen über den Horizont herkömmlicher Ideen von Gender-Fragen, Feminismus und Politik schauen zu lassen.

Hinweis: Ein Manifest für Cyborgs ist hier im Original nachzulesen (A Cyborg Manifesto, PDF). Die deutsche Fassung ist – in Auszügen – hier nachzulesen.

Die Maske des Maschinenmensch, dazu der Text: Ein Manifest für Cyborgs

Das Ergebnis von Donna Haraway ist ein virtuoses Essay über die Chancen und Risiken in Zeiten des Umbruchs. Ein Manifest für Cyborgs gilt in Sachen Theorienbildung als Meilenstein des posthumanistischen Feminismus.3 Ehe wir einen näheren Blick auf das Werk werfen, erst einmal zur Person: Wer ist eigentlich Donna Haraway?

Regalfach: Das Manifest im Zusammenhang

Historischer Kontext

Fragt man Donna Haraway selbst nach ihrem historischen Kontext, verortet sie sich, pragmatisch und präzise, »in einem weißen, weiblichen, radikalen, nordamerikanischen Körper der berufstätigen Mittelschicht mittleren Alters« (S. 41).

Ich bin mir der merkwürdigen Perspektive, die sich aus meiner historischen Situation ergibt, bewußt. Die Promotion in Biologie eines irisch-katholischen Mädchens wurde durch die Auswirkungen des Sputnikschocks auf das US-amerikanische Bildungssystem ermöglicht. | S. 60

Ein Mädchen für Amerika

Der Sputnikschock, darunter fasst man die Reaktionen der überrumpelten USA und Westeuropa auf den Start von Sputnik 1. Unter diesem Namen schoss die Sowjetunion den ersten künstlichen Erdsatelliten ins All – am 4. Oktober 1957. In Folge dessen wurde ein Bewusstsein dafür wach, verborgenes Potential in der Bevölkerung besser anzuzapfen. Selbst dann, wenn es gerade nicht in weißen, männlichen Köpfen schlummerte. Da war Donna, jenes irisch-katholische Mädchen, 13 Jahre alt und entwickelte gerade ihre »verkorkste Denkweise« (»screwed up mind«). So beschreibt sie es in diesem Video sehr schön, samt Einblick in ihre – wie gehabt: pragmatische – Arbeitsweise.

Hinweis: Bei diesem Video handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Dokumentation Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival (2016) von Fabrizio Terranova. Der Film läuft am 30. September 2018 auf dem LUSTSTREIFEN queer film festival in Basel (Schweiz) und am 6. November 2018 in der University of Fine Arts in Linz (Österreich). 

Mein Körper und Geist sind gleichermaßen ein Produkt des Wettrüstens nach dem Zweiten Weltkrieg, des Kalten Kriegs und der Frauenbewegung. Ich halte es allerdings für aussichtsreicher, die widersprüchlichen Effekte einer Politik zu bedenken, die zwar dazu bestimmt war, loyale, amerikanische TechnokratInnen hervorzubringen, dabei aber gleichzeitig eine große Zahl von DissidentInnen in die Welt gesetzt hat, als sich in der Betrachtung gegenwärtiger Niederlagen zu verlieren. | S. 61

Ein Manifest für Sozialist*innen

Mit dem Schreiben von Ein Manifest für Cyborgs begann Donna Haraway im Jahr 1983. Es war eine Reaktion auf einen Aufruf des Kulturmagazins Socialist Review an amerikanische Feminist*innen. Diese sollten über die Zukunft des sozialistischen Feminismus nachsinnen – im Kontext der frühen Reagan-Ära und dem Rückgang linksgerichteter Politiker*innen. Doch dem Socialist Review war das Essay von Donna Haraway – das in seiner ursprünglichen Fassung einen stärkeren sozialistischen Einschlag hatte – zunächst zu kontrovers.

Veröffentlicht wurde Ein Manifest für Cyborgs letztendlich erst im Jahr 1985. Dem Todesjahr von Orson Welles, dem Veröffentlichungsjahr von Claude Lanzmanns Shoah und dem Oscar-Jahr von Amadeus. Ach, und apropos Filme: 1985 kam auch Zurück in die Zukunft in die Kinos. Einfach mal im Hinterkopf behalten, wenn es gleich um die weitsichtigen Zukunftsgedanken von Donna Haraway geht.

Persönlicher Kontext

Für meine mündliche Prüfung in Philosophie (Modul P3) – im Rahmen meines Studiums der Kulturwissenschaften an der Fernuniversität in Hagen – durfte ich aus einer Liste diverser Fachliteratur mit thematischem Bezug zum Modul insgesamt 3 Bücher auswählen. Diese 3 Bücher sollten für die Prüfung soweit aufbereitet werden, dass man zu den Inhalten Rede und Antwort stehen kann, im Rahmen eines »philosophischen Gesprächs« (ähnlich wie die philosophischen Gespräche aus Die wilden Siebziger, wann immer bei den Teens der Joint rumgeht – nur halt ohne Gras und nicht im Keller).

Ich habe, neben Helmuth Plessners Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928) und Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter (1990) also das Buch Die Neuerfindung der Natur (1995) von Donna Haraway ausgewählt. Darin enthalten ist eben dieses Essay, Ein Manisfest für Cyborgs. Bei der Auswahl hatte ich natürlich keine Ahnung, was ich eigentlich tat. Es war eine klassische Ene-mene-Entscheidung, wie sie sich bei wichtigen Lebensfragen bewährt hat. Und siehe da: So kommt es, dass ich Donna Haraway kennengelernt habe! Was für ein tolle Storytellerin!

Unsere besten Maschinen sind aus Sonnenschein gemacht.

Donna Haraway über Solar-Energie

Leselupe: Das Manifest im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Essays

Donna Haraways Ein Manifest für Cyborgs (1985) war der erste viel-rezipierte akademische Text, der die philosophischen und soziologischen Auswirkungen von Cyborgs erkundete. Eine Interessengruppe innerhalb der American Anthropological Association (AAA) präsentierte auf deren Jahrestreffen 1992 ein Dokument mit dem Titel Cyborg Anthropology, das auf Haraways Manifest Bezug nahm. Diese Gruppe begründete die »Cyborg Anthropologie« unter anderem als die Untersuchung der Definitionen von »Menschlichkeit« in Relation zu Maschinen.

Enzyklopädie und mehr: Über diesen Link geht es zum englischen Wikipedia-Beitrag über Cyborg Anthropology, aus dem einige der hier zusammengefassten Informationen bezogen sind. Mehr über philosophische Anthropologie und die Frage »Was ist der Mensch?« gibt es in diesem Blogbeitrag.

Cyborg-Anthropologie in Zeiten des Posthumanismus

Die grundlegendste Definition von Anthropologie an sich ist die »Lehre vom Menschen«. Cyborgs sind jedoch, per definitionem, etwas nicht komplett organisch Menschliches. Insofern könnte eine »Lehre vom Menschen«, die sich auf den organischen Menschen allein beschränkt, ins Rudern geraten, je mehr die Technologie den Menschen erlaubt, über die »normalen Bedingungen des Lebens« hinaus zu transzendieren. Die Aussicht auf wer-weiß-wie-geartete posthumane Zustände stellt die Natur und Notwendigkeit eines Feldes wie Anthropologie mit einem versteiften Fokus auf Menschen in Frage.

Wo fängt Posthumanismus an? Die Techno-Soziologin Zeynep Tufekci argumentiert, dass jegliche symbolische Ausdrucksweisen unsererseits, selbst älteste Höhlenmalereien, als »posthuman« betrachtet werden können, weil sie »außerhalb« unserer Körper existieren. Dies bedeutet, dass Anthropologie immer auch Posthumanismus war, sofern sie über die menschliche Physis hinausreichte. 

Neil L. Whitehead und Michael Wesch weisen darauf hin, dass die Sorge, der Posthumanismus könne den Menschen aus dem Fokus der Anthropologie rücken, vernachlässigt, dass in der Geschichte der anthropologischen Disziplin, nicht-Menschliches (wie Geister, an welche die Menschen glauben) immer eine Rolle spielte.4 (siehe: das Buch Humans No More?)

Ähnlich sieht es Joshua Wells, der etwa betont, dass technologisch kommunizierte Werte die conditio humana immer begleitet haben. Siehe:  Keep Calm and Remain Human: How We Have Always Been Cyborgs and Theories on the Technological Present of Anthropology.

2 Blickwinkel auf das Cyborg-Universum

In der Ausgangslage kann man dem Aufstieg der Cyborgs nun eher pessimistisch oder zuversichtlich entgegensehen – so heißt es in Ein Manifest für Cyborgs.

Blickwinkel 1: Das Cyborg-Universum könnte dem Planeten ein endgültiges Koordinatensystem der Kontrolle aufzwingen, verkörpert in der Apokalypse eines im Namen der Verteidigung geführten Kriegs der Sterne – die restlose Aneignung der Körper der Frauen in einer männlichen Orgie des Kriegs.

Blickwinkel 2: Das Cyborg-Universum könnte eine gelebte soziale und körperliche Wirklichkeit bedeuten, in der niemand mehr seine Verbundenheit und Nähe zu seiner evolutionären Herkunft zu fürchten braucht und vor dauerhaft partiellen Identitäten und widersprüchlichen Positionen zurückschrecken muß.

Beide Blickwinkel gilt es einzunehmen, um die politischen Debatten und Kämpfe zu antizipieren, die uns bevorstehen. Denn beide Blickwinkel machen »sowohl Herrschaftsverhältnisse als auch Möglichkeiten sichtbar, die aus der jeweils anderen Perspektive unvorstellbar sind. Einäugigkeit führt zu schlimmeren Täuschungen als Doppelsichtigkeit oder medusenhäuptige Monstren« (S. 40).

Donna Haraways Ein Manifest für Cyborgs will zweierlei sein:

  • ein Plädoyer dafür, die Verwischung der Grenzen zwischen Organismus und Maschine zu genießen und Verantwortung bei ihrer Konstruktion zu übernehmen
  • ein Versuch, zu einer sozialistisch-feministischen Kultur und Theorie in postmoderner, nicht-naturalistischer Weise beizutragen
Dualismen in der westlichen Welt

Haraway hebt den problematischen Status westlicher Traditionen wie etwa Patriarchalismus, Kolonialismus, Essentialismus und Szientismus hervor (»und anderen -ismen, denen wir keine Träne nachweinen«, S. 42). Solcherlei Traditionen seien unter anderem verantwortlich für das, was Haraway als »antagonistische Dualismen« bezeichnet, die den westlichen Diskurs steuern.

Diese Dualismen, stellt Haraway klar, »haben sich in der westlichen Tradition hartnäckig durchgehalten, sie waren systematischer Bestandteil der Logiken und Praktiken der Herrschaft über Frauen, farbige Menschen, Natur, Arbeiterinnen, Tiere – kurz, der Herrschaft über all jene, die als Andere konstituiert werden und deren Funktion es ist, Spiegel des Selbst zu sein.« (S. 67) Die aufkommende High-Tech-Kultur könnte derartige Dualismen nun in ihren Grundfesten erschüttern. Dualismen wie:

  • Das Selbst und das Andere
  • Geist und Körper
  • Kultur und Natur
  • Mann und Frau
  • zivilisiert und primitiv
  • aktiv und passiv
  • richtig und falsch
  • Gott und Mensch

Ich möchte zeigen, daß wir, in dem gerade im Entstehen begriffenen System einer Weltordnung – die hinsichtlich ihrer Neuheit und Reichweite dem Aufkommen des industriellen Kapitalismus analog ist – darauf angewiesen sind, unsere Politik an den fundamentalen Veränderungen von Klasse, Rasse und Gender zu orientieren.  Wir leben im Übergang von einer organischen Industriegesellschaft in ein polymorphes Informationssystem […] | S. 48

Paradigmatische Verschiebungen

In einem Abschnitt führt Donna Haraway tabellarisch auf, wie sich die Gegenstände unserer Welt im Zuge dieses Übergang verschieben – hin zu einem neuen Weltbild. Dabei sind (für mich) viele Punkte nicht auf Anhieb einleuchtend und bedürfen einiges Grübelns. Man bedenke immer: Ein Manifest für Cyborgs stammt aus den 1980er Jahren. Hier eine Auswahl der paradigmatischen Verschiebungen vom War-/Ist-Zustand zum Wird-/Ist-Zustand:

RepräsentationSimulation
Bürgerlicher Roman, RealismusScience Fiction, Postmoderne
OrganismusBiotische Komponente
PerfektionierungOptimierung
EugenikGeburtenkontrolle
Dekadenz, Der ZauberbergObsoleszenz, Der Zukunftsschock
Familie / Markt / FabrikFrauen im integrierten Schaltkreis
FreudLacan
Sexualität / FortpflanzungGentechnologie
LohnarbeitRobotik
GeistKünstliche Intelligenz
Weißes kapitalistisches PatriarchatInformatik der Herrschaft

[Tabelle von S. 48-49]

Sexuelle Fortpflanzung ist nur eine Reproduktionsstrategie unter vielen, deren Kosten und Nutzen eine Funktion der Systemumwelt sind. | S. 49

Donna Haraway weist darauf hin, dass »gerade Playboyleser aus dem mittleren Management und radikalfeministische Pornographiegegnerinnen« ein eigenartiges Gespann (»strange bedfellows«) darin bilden werden, dass sie eine natürliche oder notwendige Verknüpfung von Sex und Fortpflanzung als irrational betrachten.

Vom Feind im eigenen Bett

An der »Super-Inklusivität« einer Autorin, die derartige »Bettpartner*innen« in einer amüsanten Randnotiz mit ins Boot holt, kann man sich stoßen. Das zeigt etwa die amerikanische Englisch-Professorin Christina Crosby.

Ich sehe die Logik – und die Ironie – von dieser Allianz, aber ich will eine Politik der Exklusion ebenso, wie eine der Inklusion. Eine Politik, die mich befähigt zu sagen, dass die Porno-Industrie im Allgemeinen, so wie sie aktuell besteht, und Playboy im Speziellen (wer auch immer die Leser sind) die (wie soll ich es sagen?) Feinde sind. Das ist schrecklich harsch, in diesem Fall, ich weiß, aber das Prinzip ist wichtig. Wir brauchen ein Prinzip der Exklusion, das keine nostalgische Rückkehr zu den Klarheiten vergangener Dualitäten ist – die im Übrigen immer komplizierter waren, als es scheint.

Christina Crosby, in: Coming to Term (RLE Feminist Theory): Feminism, Theory, Politics (1989), S. 208

In etwa so kompliziert, wie die Dualität von guten Absichten und schlechten Gewohnheiten. Oder um es mit Macklemore zu sagen:

I wanna be a feminist, but I’m still watchin‘ porno.

Macklemore, in: Intentions (2017)
»Wer auch immer die Leser sind« – da hätten wir diese beiden, zum Beispiel. Zeebo (Damon Wayans) und Wiploc (Jim Carrey) in dem Film Zebo, der Dritte aus der Sternenmitte (1989). Ähnlich unbekannt unter dem aus feministischer Sicht wohl eher bedenklichen Original-Titel Earth Girls Are Easy.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Essays

Haraways Theorie über Cyborgs weist die Vorstellung des Essentialismus zurück, dass bestimmte Wesenheiten notwendige Eigenschaften besitzen müssten. (Auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins schickt den Essentialismus in Rente, nur so am Rande.) Eine Welt voller Verschmelzungen von Tier/Mensch und Maschine ist es, für die Haraway ihre Leser*innenschaft letztlich begeistern will. In der konkreten, facettenreichen Ausgestaltung dieser Welt stecke ungeahntes Potential, altes Unrecht zu begleichen. Oder gar, wie sie schreibt: zu vergelten.

Das Gender der Cyborgs ist eine lokale Möglichkeit, die global Vergeltung üben wird. Rasse, Gender und Kapital bedürfen einer Cyborg-Theorie von Ganzheiten und Teilen. Cyborgs verspüren keinen Drang, eine umfassende Theorie zu produzieren, stattdessen verfügen sie über eine ausgeprägte Erfahrung der Begrenzung, ihrer Konstruktion und Dekonstruktion. Es gibt ein Mythensystem, das darauf wartet, eine politische Sprache zu werden, die eine andere Sichtweise auf Wissenschaft und Technologie begründet und die Informatik der Herrschaft zum Kampf herausfordert. | S. 70

Die Informatik der Herrschaft, siehe Haraways Tabelle, ist das, was nach der Verschiebung aus jenem weißen, kapitalistischen Patriarchat hervorgeht, das die Welt in starren Dualismen gefangen hält. 33 Jahre nach Haraways Essay ist der Sohn eines weißen Millionärs an der Spitze der größten Macht auf Erden – geradezu ein Sinnbild für das weiße, kapitalistische Patriarchat. Eigentlich.

Die Informatik der Herrschaft

Aber eigentlich auch nicht: Donald Trump in seiner strahlenden Inkompetenz als Präsident und als Komplettpaket der schlechtesten Eigenschaften des Menschen ist vielmehr ein Sinnbild dafür, dass der geisteskranke Raubaffe Homo sapiens ausgedient haben sollte. Zumindest als Machthaber über Millionen seiner Artgenossen. In Zeiten der Digitalisierung wird der künstlichen Intelligenz, die unser Weltwissen verknüpft und verfügbar macht, immer gerne vorgeworfen, dass  menschliche Gehirne trotzdem zu Höherem befähigt seien. Derweil twittert das Trumpeltier.

Mit diesem Tweet hat sich der amerikanische Präsident am 11. September vor wenigen Tagen an die Amerikaner*innen gewandt. Man muss dem notorischen Lügner natürlich allein dafür gratulieren, dass er sich an die Fakten hält. Aber es ist schon bemerkenswert, dass dieses Statement – statt von einem theoretisch der emotionalen Intelligenz fähigen Artgenossen – genauso gut von Siri hätte kommen können. Doch die Skepsis darüber, ob man Menschen über ihre natürliche Befähigung hinaus optimieren sollte, hält sich wacker. So las man im Dezember 2017 in DIE ZEIT, übrigens unter dem Titel Die Informatik der Herrschaft.

Heute wird der Mensch als Baukasten imaginiert, dessen Gesundheitscode man updaten und mit hochleistungsfähigen Nanobots und Computern zum Cyborg aufrüsten könne.

Adrian Lobe, in: Die Informatik der Herrschaft (DIE ZEIT), 29.12.2017

Dann wird Donna Haraway zitiert. Zwei Auszüge aus Ein Manifest für Cyborgs, insofern aus dem Kontext gerissen, als Haraways optimistische Sicht auf die Dinge dabei auf der Strecke bleibt. Der Artikel warnt vor »technodarwinistischen Herrschaftsansprüchen« und dass »der datengenerierende Körper […] im Internet der Dinge selbst zum Medium« wird. Eben Letzteres betrachtet Donna Haraway als ultimative Chance. Erst recht für die marginalisierten Minderheiten, wie sie ihrerzeit etwa die »Women of color« repräsentiert wurden. Als Cyborg-Identität, so Haraway, könnten diese »Women of color« als »machtvolle Verschmelzung aus marginalisierten Identitäten hervorgegangene Subjektivitität aufgefaßt werden«.

Moderne Mythologie

Und dann zieht Haraway die Science-Fiction-Literatur der »Women of color« heran. Sie stellt sie in Tradition mit Schriften der griechischen Mythologie wie Hesiods Theogonie.

Monster haben von jeher die Grenzen eines gemeinsamen sozialen Lebens in den Vorstellungen des Westens bestimmt. Die Zentauren und Amazonen des klassischen Griechenlands errichteten die Grenzen der auf ein Zentrum ausgerichteten Polis [Begriff für antike Stadtstaaten wie Athen] des griechischen Mannes, indem sie mit der Institution Ehe brachen und die Reinheit des Kriegers durch das Tier und die Frau befleckten. | S. 70

Spektakuläre Monstergeschichten und bildgewaltige Mythen haben sich, soweit wir es zurückverfolgen können, immer auch auf die gelebte Gegenwart ausgewirkt, in denen sie erzählt wurden. Der über Jahrhunderte tradierte Frauenhass wird begleitet von einer bruchlosen Kette literarischer Werke, die Misogynie manifestierten, rechtfertigen, weitertrugen. Geschichten sind ein starkes Machwerk des menschlichen Geistes. Sprache ist das Werkzeug, um solche Machwerke aufzubauen – und einzureißen.

Warum sollten nicht, statt griechischer Mythen über die »schadenbringende Frau« oder Hollywoodfilme über heldenhafte Männer, die Science-Fiction-Geschichten über eine weit vielgestaltigere Welt als die von »Frauen« und »Männern« einen ähnlich starken Einfluss auf die Wirklichkeit haben?

Die feministische Science Fiction ist bevölkert von Cyborgs, die den Status
von Mann oder Frau, Mensch, Artefakt, Rassenzugehörigkeit, individueller Identität oder Körper sehr fragwürdig erscheinen lassen. […] Die Cyborg-Monster der feministischen Science Fiction definieren politische Möglichkeiten und Grenzen, die sich stark von den profanen Fiktionen „Mann“ und »Frau« unterscheiden. | S. 68, 71

Feministische Science Fiction

Hier eine kleine Liste feministischer Science-Fiction-Literatur zur Bestärkung der Thesen aus Ein Manifest für Cyborgs – auf Empfehlung von Donna Haraway.

  • Octavia Butler: Mind of my Mind / Der Seelenplan (1977), Survivor / Alanna (1978), Kindred / Vom gleichen Blut (1979), Wild Seed / Wilde Saat (1980); 
  • Suzy McKee Charnaz: Motherliness / Aldera und die Amazonen (1978)
  • Samuel Delany: Tales of Nevèrÿon / Das Land Nimmerya (1979)
  • Anne McCaffrey: The Shop Who Sang (1969); Dinosaur Planet (1978, 1984)
  • Vonda McIntyre: Dreamsnake (1978), Superluminal (1983) | Haraway kommentiert: »Vonda McIntyres Superluminal [ist] besonders reich an Grenzüberschreitungen.«
  • Joanna Russ: The Female Man / Planet der Frauen (1975); Adventures of Alyx / Die Abenteuer von Alyx (1976) 
  • James Tiptree, Jr.: Star Songs of an Old Primate / Sternenlieder eines alten Primaten (1978); Up the Walls of the World (1978) | Haraway kommentiert: »Das Werk von James Tiptree Jr. galt als besonders männlich, bis das wahre Gender der Autorin bekannt wurde [hinter dem Pseudonym verbirgt sich Alice Bradley Sheldon]. Sie erzählt Geschichten über die Reproduktionsweisen von Nicht-Säugern, die auf Technologien wie Generationswechsel, Bruttaschen der Männchen und Brutpflege durch die Männchen beruhen.«
  • John Varley: Titan, Wizard, Demon (Gaea Trilogy, 1979-1984) | Haraway kommentiert: »John Varley konstruiert in seiner hyperfeministischen Auslegung des Gaia-Mythos eine überragende Cyborg. Gaia ist verrückte Göttin, Planet, Trickster, alte Frau und Großtechnologie zugleich, auf deren Oberfläche sich eine außergewöhnliche Ansammlung von Post-Cyborg-Symbiosen ausbreitet.« [Gaia ist auch in der griechischen Mythologie, wie sie Hesiod niederschrieb, als die »personifizierte Erde« eine der ersten Gottheiten]
Gegen die Neue Rechte

Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben. Dies ist kein Traum einer gemeinsamen Sprache, sondern einer mächtigen, ungläubigen Vielzüngigkeit. Es ist eine mögliche Imagination einer Feministin, die in Zungen redet und dabei scharfzüngig genug ist, den Schaltkreisen der Super-Retter der Neuen Rechten Angst einzuflößen. | S. 72

Die »Super-Retter der Neuen Rechten« waren Mitte der 1980er Jahre – gemäß der damaligen Möglichkeiten, sich mitzuteilen – so lautstark, wie sie es heute sind. Ich finde die Idee, den engstirnigen Vertreter*innen dieser Neuen Rechten ein buntes Universum an Wesenheiten entgegenzuwerfen, ziemlich großartig. Ein fantastischer Widerstand!

Donna Haraways Kritik am Feminismus

Haraway stößt sich an einigen traditionellen Feministinnen. Deren Sichtweisen operierten unter der verallgemeinernden Annahme, dass alle »Männer« auf eine Weise seien, und alle »Frauen« auf eine andere. Eine »Cyborg-Theorie von Ganzheiten und Teilen« strebe hingegen nicht danach, Dinge in einer totalen Theorie zu erklären. Haraway deutet an, dass Feministinnen über Naturalismus und Essentialismus hinausdenken sollten.

Sie kritisiert feministische Taktiken als »Identitätspolitik«, die alle Ausgeschlossenen opfert. Besser wäre es, so Haraway, Identitäten strategisch durcheinanderzubringen – und kommt damit zu demselben Schluß, den auch Judith Butler in Das Unbehagen der Geschlechter (1990) vorschlägt, um an Gender-Stereotypen zu rütteln. 

Haraways Kritik richtet sich hauptsächlich gegen sozialistischen und radikalen Feminismus. Der sozialistischer Feminismus führe nicht zurück zu einem natürlicheren Zustand, sondern bilde eine zuvor nicht existierende Einheit, namentlich die der »Arbeiterinnen«. Der radikale Feminismus einer Catherine MacKinnon beschreibe Frauen als sozial konstruiert innerhalb der patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen – »Frauen« existierten nur, weil Männer sie existierend gemacht haben. Die Frau als »Selbst« existiere nicht. 

Da ich bereits gegen sozialistische/marxistische Standpunkte eingewendet habe, daß sie die in antikolonialen Diskursen und Praktiken sichtbar gewordene, vielstimmige, unassimilierbare, radikale Differenz ungewollt tilgen, ist MacKinnons absichtliche Tilgung jeglicher Differenz mit dem Mittel der »essentiellen« Nicht-Existenz von Frauen nicht gerade sehr beruhigend. | S. 47

Fazit zu Ein Manifest für Cyborgs

Am Ende von Ein Manifest für Cyborgs formuliert Donna Haraway zwei zentrale Thesen, in denen sie erstens dafür plädiert, dass keine universale, totalisierende Theorie der Realität in all ihrer Vielfalt gerecht werden könne. Zweitens gelte es, eine »antiwissenschaftliche Metaphysik« ebenso zurückweisen, wie eine »Dämonisierung der Technik«, um Verantwortung zu übernehmen – für die sozialen Beziehungen in einer von Wissenschaft und Technologie geprägten Gesellschaft. Die bevorstehenden Aufgaben erforderten viele Kenntnisse, aber müssten in Angriff genommen werden.

Haraways Ein Manifest für Cyborgs suggeriert – mit einem breiten Themenspektrum und fabelhafter Sprache – dass Technologien wie virtuelle Avatare, künstliche Befruchtung, geschlechtsangleichende Operationen und künstliche Intelligenz solch Dichotomien wie »Sex und Gender« irrelevant machen und die Grenzen zwischen Tier, Mensch und Maschine verwischen könnten. Einerseits eine schaurige, weil »unwirklich« anmutende Vorstellung – andererseits eine zu begrüßende Abwechslung.

Fußnoten

  1. Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus Verlag, Frankfurt/New York
  2. Alle Seitenangaben beziehen sich auf die oben genannte Ausgabe.
  3. Landwehr, Dominik (Hg./Ed.): Machines and Robots. Edition Digital Culture 5, S. 127
  4. Whitehead, Neil L.; Wsch, Michael: Human No More. Digital Subjectivities, Unhuman Subjects, and the End of Anthropology. University Press of Colorado

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