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Die Überlegenheit des griechischen Alphabets

Es heißt, weil es Buchstaben für Vokale habe, s ds grchsch lphbt ndrn brlgn – aber stimmt das? So schwierig es ist, eine unverständliche Frage zu beantworten, so leicht ist es, eine Schrift zu lesen, die Vokale zwischen die Konsonanten schiebt. In den vergangen anderthalb Jahren haben überdurchschnittlich viele Deutsche versucht, Arabisch zu lernen – und sind dabei eben dieser Besonderheit ihrer eigenen Sprache bewusst geworden…

Denn das lateinische Alphabet (a, b, c, d etc.) stammt vom griechischen ab, um das es hier gehen soll, im Kontext der Frage: Ist es anderen wirklich überlegen?

Das Alphabet allgemein – die feste Reihenfolge aller Schriftzeichen einer Sprache – ist nur ein einziges Mal erfunden und danach vielfach übernommen und abgewandelt worden. Ob arabisch, griechisch, hebräisch oder koreanisch, all diese Alphabete gehen auf jene Erfindung zurück, die semitische Volksangehörige vor rund 3500 Jahren auf den Weg gebracht haben. Bis heute aber verfügen etwa das Hebräische oder Arabische keine Buchstaben für Vokale. Diese Eigenart wird gerne am Beispiel der arabischen Silbenfolge k-t-b veranschaulicht, die sich in diversen arabischen Sprachführern finden lässt – und in „Arabisch für Dummies“: Abhängig von den Kringeln und Strichen, die über diese Konsonanten gesetzt werden, spricht man sie zum Beispiel ka-ta-ba (er hat geschrieben) oder ku-tu-b (Bücher) aus. Dumm nur, wenn diese Kringel und Striche nicht aufgeführt werden. Im Koran, da stehen sie, bei Al-Jazeera fehlen sie – der Unterschied: Der Koran soll von Kulturfremden nicht missverstanden werden; die Berichterstattung hingegen richtet sich nicht an Kulturfremde. Didaktik scheint also der springende Punkt zu sein: Ist das griechische Alphabet überlegen, weil man es leicht lehren und lernen kann (und will), ganz gleich, ob der Inhalt religiöser oder alltäglicher Natur ist?
Das griechische Alphabet besteht aus 24 Buchstaben, mit denen man alle deutschen Wörter bilden kann. In den drei bis sechs Monaten, die Integrationskurse für Flüchtlinge in Deutschland derzeit dauern, ist mit dem entsprechenden Fleiß das Sprachniveau B1 („Fortgeschrittene Sprachverwendung“) erreichbar. Demgegenüber umfasst das chinesische Schriftsystem über 40.000 Zeichen. Darin einigermaßen bewandert zu sein, schreibt Walter J. Ong, „setzt ein etwa zwanzigjähriges Studium voraus“ – ziemlich demotivierend, erst recht bei einer dreijährigen Aufenthaltsgenehmigung. Weil das Studium so viel Zeit raubt, nennt Ong die chinesische Schrift „elitär“. Ein Antonym dazu wäre „populär“.
Hinzuaddiert und genauer gefragt: Weil man es leicht lehren und lernen kann, ist das griechische Alphabet sehr populär – und deshalb überlegen? Populär ist zum Beispiel auch Windows, im Gegensatz zu anderen, eher elitären Betriebssystemen wie macOS von Apple (wegen der Kosten) oder Linux (wegen der Komplexität). Ist Windows deshalb überlegener? Mac- und Linux-Anhänger würden lautstark widersprechen – selbst viele Windows-Nutzer sympathisieren nicht mit ihrem System. Wenn es aber nicht populär im Sinne von beliebt ist, so doch im Sinne von weitverbreitet: Windows ist in Nutzerzahlen überlegen. Daran soll das griechische Alphabet an dieser Stelle aber nicht gemessen werden. Zwar hat es die meisten Sprecher (weltsprachlich, nicht muttersprachlich), doch kulturell lässt sich Überlegenheit nicht in Zahlen messen. Sprachen (und ihre Schriften) sind letztlich Meme, Bewusstseinsinhalte, die sich wie Gene im Zuge einer – nicht biologischen, sondern eben kulturellen – Evolution entwickeln und verbreiten. Zu sagen, das griechische Alphabet sei überlegen, weil es das weltweit am weitesten verbreitete ist (gemessen in Sprecherzahlen), entspräche der Aussage, Hybridhühner seien anderen Hühnerarten überlegen, weil sie die weltweit am weitesten verbreitet sind. Ja, sie gehen als Sieger der Evolution hervor, weit vor allen anderen Vögeln – aber ob sie das überlegen macht?
Kurzum: Nein, das griechische Alphabet ist anderen nicht überlegen. Es ist einfacher zu sprechen und leichter verständlich – so wie „50 Shades of Grey“ einfacher zu lesen und leichter verdaulich ist, als „The 120 Days of Sodom“ – aber nicht besser. Der Begriff „Überlegenheit“ bezeichnet einen Grad von Güte mit einem vergleichenden Moment. Daran kulturelle Errungenschaften zu messen und gegeneinander aufzustellen, mutet in einer Weise diffamierend an, in der einst „arische Kunst“ als anderen überlegen dargestellt wurde.

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