Gesellschaft

Burn-out, Volkskrankheit unter Berufstätigen?

Gerade habe ich mich mit einem Blog und meiner Kamera selbständig gemacht, versuche Fuß zu fassen in einer Welt jenseits des Angestellten-Daseins, was gerade eher so mit gezogener Handbremse vorangeht, weil das Fernstudium zur Klausurenphase ruft und ich im Lernstoff abtauchen muss (bzw.: darf), da bietet meine Partnerin mir an, einen Gastbeitrag zu schreiben. Über das Phänomen Burn-out. Ich interpretiere da jetzt einfach mal nichts rein und überlasse die lieben Leserinnen und Leser meiner schreibenden besseren (oder besser schreibenden?) Hälfte, Sonia M. Kansy:


Meine rechte Hand ziert ein Brandfleck, den ich mir heute Morgen beim Brötchen-Aufbacken zugezogen habe. Kein besonders kompliziertes Vorhaben, um es untertrieben auszudrücken. Und dennoch habe ich versagt, übertrieben gesprochen.

Was ich so lapidar als Metapher beschreibe, geschieht in diversen und ernsthaften Formen häufiger als mir bewusst war. Menschen tun Dinge, die sie eigentlich beherrschen. Bis sie ihre Erwartungen an sich selbst derart hochschrauben, dass sie taumeln, zurückfallen und wieder bei A anfangen müssen, obwohl in ihrem Kopf nach Z verlangt wird. Diese Diskrepanz zwischen der eigenen Erwartungshaltung und der Wirklichkeit kann sich zu einer Denkart entwickeln, die einen allmählich in einen emotionalen Erschöpfungszustand befördert. Ins sogenannte Burn-out.

Ein ausbrennender Müll-Container, dazu der Schriftzug: Burn-out als Volkskrankheit unter Berufstätigen?

Freudenberger entdeckt das Burn-out

Es war der Psychologe Herbert Freudenberger, der 1974 erstmals den Begriff Burn-out im klinischen Bereich etablierte. Bei seinem Nachnamen und Kontext muss ich unweigerlich an ein ums Freudenfeuer tanzendes Rumpelstilzchen denken. Doch anders als bei dieser Märchenfigur waren es in diesem Fall mehrere Psychologen, die sich der Untersuchung dieses Phänomens widmeten. Zu den wichtigen Burn-out-Wissenschaftlerinnen gehört unter anderem die Sozialpsychologin Christina Maslach.

Nach Maslach gibt es drei wesentliche Faktoren, die das Burnout-Syndrom beschreiben: Auf persönlicher Ebene wäre da zunächst das Gefühl der extremen Erschöpfung (overwhelming exhaustion). Auf der zwischenmenschlichen Ebene überwiegen Gefühlszustände des Zynismus und der emotionalen Abgrenzung zum Job. Die Ebene der Selbstbewertung markieren die reduzierte Leistungsfähigkeit und das Gefühl, dass das eigene Handeln wirkungslos ist.

Die Angst vorm First World Problem

Die empfundenen Unzulänglichkeiten bezüglich des Könnens und Wirkens und das Hadern mit dem eigenen Druck sind mir bei einer Recherche zum Thema Stressmanagement besonders häufig bei Bloggern aufgefallen. Ein überaus sensibles Thema für diejenigen, die mit ihren Blogs ihren Lebensunterhalt verdienen und leidlich darüber reden können. Obwohl der Bedarf so groß ist.

Denn obwohl laut dem Münchner Institut fast 13 Mio. Berufstätige in Deutschland burn-out-gefährdet sind, ist das Erkranken an dem Syndrom immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft, wie einige burn-out-geoutete Blogger beschreiben. So hemmt Betroffene in erster Linie die Angst, ihre Probleme mit der Überforderung und dem emotionalen Erschöpfungszustand würden als First World Problem angesehen. Und wenn sie an einem Luxusproblem leiden, wer würde sie dann ernst nehmen?

Die unerträgliche Schwierigkeit des Seins

Aber stimmt das denn? Ist Burn-out ein Phänomen, das nur die Berufstätigen betrifft? Immerhin zählen laut Burisch ganze 130 Symptome zu dem mosaikartigen Krankheitsbild, das laut der internationalen Klassifikation von Erkrankungen (ICD-10) den „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ zugeordnet wird. Und Probleme mit der Lebensbewältigung haben ganz sicher auch noch andere Menschen.

Und was genau soll mit Lebensbewältigung gemeint sein? Wenn ich den ganzen Tag auf der Suche nach etwas Essbarem bin, nach Geld betteln muss, habe ich da als Obdachloser nicht ebenfalls Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung? Die Frage stelle ich hier einfach mal ab.

Soziale Berufe betroffen

Laut DAK sind es jedenfalls vor allem die Selbstständigen, die mit ihrem finanziellen Risiko und den damit zusammenhängenden Unsicherheiten besonders vom Ausbrennen gefährdet sind. Wie so häufig ist es dann ein zuverlässiges soziales Netzwerk, das in stressigen und beschleunigten Zeiten ein hilfreicher Gegenpol sein kann.

Doch eine andere Berufsgruppe betrifft das Syndrom ebenfalls sehr stark. So umwirbt die schleichende (siehe das 12-Phasenmodell von Freudenberger), aber nervenvergiftende Krankheit ein Drittel aller Lehrer und Erzieher. Und insbesondere Pflegekräfte. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass eben diese Menschen den Boden unserer Gesellschaft nähren und die Zukunft so sehr mitgestalten. Wenn soziale Berufe in unserer Gesellschaft nicht nur finanziell unangemessen vergütet, sondern auch mit der psychischen Belastung alleine gelassen werden, dann sollte man sich fragen, ob Vater Staat nicht vielleicht selbst ein Burnout erlitten hat.  Und wie kann man dem Herrn wieder auf die Beine helfen?

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