Kinderbücher

ANOUK UND HERR BÄR von Mascha Wolfram | Kinderbuch 2017

Zuletzt aktualisiert am 10. September 2018 um 9:06

Vorurteile sind klebrig. Haben sich einmal einige angesammelt, wird es anstrengend, sie wieder wegzubekommen. Umso wichtiger, schon früh ein Gefühl für das Wesentliche zu entwickeln und manch Vorurteilen ihre Anziehung zu stehlen. Mit Anouk und Herr Bär lernen die Kleinen, dass nicht alles so düster ist, wie es zunächst scheint.  

Mascha und der Bär

Zum Inhalt: Die kleine Anouk geht mit ihren beiden großen Schwestern Pilze sammeln. Als sie sich auf einmal schwesterseelenallein im Wald wiederfindet, trifft sie auf den großen Bären, der von allen gefürchtet wird. Auch Anouk bekommt Angst, spürt aber schnell, dass der Bär anders ist, als alle glauben.

Bloggerin Sonia Lensing mit dem Kinderbuch Anouk und Herr Bär

Zur Wirkung des Buchs

Die Urangst als Leseköder

Anouk kann ihre Schwestern im Wald nicht finden und ist somit allem ausgeliefert, was im Wald ein- und ausgeht. Unter dieser Prämisse kreiert die Kinderbuch-Autorin Mascha Wolfram ein Szenario, welches an die Urangst des Verlassen-Werdens andockt und jedem Menschen – ob groß oder klein – ein vertrauter Begleiter ist. Damit bietet das Kinderbuch Anouk und Herr Bär eine gewisse Nähe zur kindlichen Lebenswelt und unterstützt die (Vor-)Lesemotivation.

Ein Motiv für gespitzte Kinderohren

Bei der Erinnerung, wie sich mein Vater einst einen Spaß daraus machte, sich während eines Waldspaziergangs heimlich zu verstecken, überkommt mich immer noch ein flaues Gefühl. Als mein Bruder und ich uns vom unbekümmerten Spiel umsahen – und niemanden erblicken konnten – rieb sich die Panik die Hände und kroch unter unsere Haut. Zwar kannten wir nicht die Geschichte des Herrn Bären, aber doch die von Hänsel und Gretel. Und abgesehen von den Süßigkeiten war die Geschichte bitterböse. Unser Vater hat seinen Streich schnell aufgelöst, uns aber seitdem wachsamer durchs Laub streunen lassen. Das literarische Motiv des Alleinsein im Wald eignet sich demnach bestens, damit Kinder mit gespitzten Ohren der Erzählung lauschen.

Kindgerechtes Storytelling

Einen großen Buckel soll er gehabt haben und Krallen so scharf wie Messerklingen. In sein gewaltiges Maul soll er sich zum Frühstück kleine Kinder mit Salz und Pfeffer gestopft haben.

Mascha Wolfram, in: Anouk und Herr Bär

Keine Angst, Ihr Kind hält das aus. Denn, was uns gegenwärtige Kindermedien mit niedlichen Figuren und Wohlfühl-Glitzer schonmal vergessen lassen, ist der oftmals brutale Kern zugrunde liegender Märchen. Der wird für heutige Zeiten von Medienproduzent*innen und Eltern großzügig übersprungen, von manchen für Erziehungszwecke aber auch gesucht. So verkauft sich der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann noch heute und gilt »als das am längsten kontinuierlich verlegte deutsche Kinderbuch« (Walter Sauer).

Im Gegensatz zu dieser schwarzen Pädagogik erwartet Kinder- und Jugendbuchautorin Sylvia Englert für die jüngsten Leser*innen auf jeden Fall ein Happy End (nachzulesen in ihrem Handbuch für Kinder- und Jugendbuchautoren) . Schließlich reagieren Kindergarten- und Vorschulkinder auf Konflikte und zu steilen Spannungsbögen empfindlich, insbesondere vor dem Schlafengehen. Doch, um die Zeilen, die ich aus einer provokanten Laune heraus als Lesepröbchen oben platziert habe, nochmals zu entschärfen: Das Bilderbuch Anouk und Herr Bär versorgt Kinder mit der richtigen Dosis an spannenden Elementen, die auch für Kleine gut bekömmlich sind.

Buchtipp: Statt ein Bär im Wald lieber eine Katze in Paris? Hier geht es zur Buchkritik von Angelika Glitz’s Mit einer Katze nach Paris (2017).

Kinderfiguren mit Charakter

Das erste, was mir bei Anouk und Herr Bär auffiel, ist die Parallele zu meiner aktuellen Lieblings-KiKA Serie: der russische YouTube-Hit Mascha und der Bär. Es handelt von einer Geschichte über die Freundschaft zwischen einem häuslichen Bären und einem kleinen, mutigen Mädchen namens Mascha. Nicht ganz so naiv und nervtötend wie Mascha ist die kleine Anouk aus dem Kinderbuch.

Durch die wenige wörtliche Rede wirkt Anouk eher zurückhaltend als zappelig. Zudem zeigt sie ein intuitives Gespür, als sie sich ihrer misslichen Lage im Angesicht des Bären bewusst wird und erst einmal in Tränen ausbricht. Das kindliche Ass im Ärmel, um vom Monster-Bären womöglich Mitleid zu erhaschen. Zum Glück ist das gar nicht nötig, wie sich schnell herausstellt – und Kinder aufatmen lässt. Durch den Kontrast zwischen der physischen Kraft des Bären und dessen piepsiger Stimme sickert in die vermeintlich bedrohliche Situation ein guter Tropfen Humor. Dieser verdunstet allerdings in dem Moment, als Anouk sieht, dass der Bär im Grunde einsam und traurig ist.

Indem Anouk dem Herrn Bär selbstverständlich vorschlägt, zu ihr zu ziehen, greift die Autorin in Anouk und Herr Bär die unbefangene Kinderperspektive auf. Logisch, dass man diese Gastfreundschaft einem neuen Freund anbietet. Auf diese Weise wäre der Einsamkeit des Bären ein Ende gesetzt und Anouk hätte einen neuen Spielpartner. So ähnlich einfach und positiv endet auch das Kinderbuch für Anouk und ihren felligen Freund. Ob der am Ende tatsächlich bei Anouk einzieht, überlässt die Kinderbuch-Autorin jedoch der kindlichen Fantasie…

Kein Wiedersehen

Zum Ende: Ein wenig schade an der Story ist, dass das Wiedersehen mit Anouks Schwestern nicht thematisiert wird und stattdessen die unbekannten Bewohner*innen des Dorfes auftreten. Durch den Begriff der »Bewohner« baut sich sprachlich eine Distanz zu den Figuren und dem Geschehen auf, so dass die innere Anteilnahme der kleinen Leser*innen nur oberflächlich erfolgt. An dieser Stelle besteht Potenzial, dem Kind die Freude über das gemeinsame Wiedersehen zwischen den Geschwistern emotional miterleben zu lassen. Somit wäre Anouk wie auch den Leser*innen geholfen, diese unangenehme Angst des Verlassen-Werdens abzuhaken und sich aufs neue Zusammensein zu freuen.

Zur Visualität: Mascha Wolfram, Grafikdesignerin und Master-Studentin der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, verfolgt in ihrem Bilderbuch-Debüt einen minimalistischen und aufs Wesentliche fokussierten Zeichenstil. Die gradlinigen und kurvigen Formen erinnern mich an die Pariser Illustratorin und Animatorin Agathe Sorlet.

Jedenfalls enthält dieses sympathische Grafikdesign in Anouk und Herr Bär eine ideale Informationsdichte, an der auch kleine Kinder ab 3 Jahren Vergnügen haben. Ohne zu lang nach dem eigentlichen Handlungsstrang suchen zu müssen, kann sich das kindliche Auge entspannt auf die klar gezeichneten Figuren, deren eindeutige Mimik und die elterliche Stimme richten. Die kühle Farbgebung erzeugt eine winterliche Atmosphäre, die umso mehr zum Einkuscheln einlädt.

Fazit zu Anouk und Herr Bär

Wer Mascha und der Bär mag, wird auch Anouk und Herr Bär mögen. Etwas weniger actionreich, emotional und in langsameren Tempo erzählt das Bilderbuch in punktgenauen Illustrationen und einfacher Sprache eine märchenhafte und melancholisch angehauchte Geschichte über den Mut, Vorurteile abzubauen und die Chance, die daraus entsteht. Mascha Wolfram hat ein Kinderbuch geschaffen, das ermutigt, sich sein eigenes Bild über andere zu machen. Ich vergebe 8 Sterne. 

Titel
Anouk und Herr Bär
Erscheinungsjahr2017
Autorin, IllustratorinMascha Wolfram
Verlag
Edition Pastorplatz
Umfang
52 Seiten
Altersempfehlung
ab 3 Jahren
Thema
Mut, Vorurteile

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Danke für den super Buchtipp und diese schöne Vorstellung. Ich liebe Bücher die, die Ängste der Kinder ansprechen und Kinder halten sehr viel mehr aus als wir denken. Und noch schöner ist, wenn Kinder durch Bücher lernen Vorurteile abzubauen.

    Liebe Grüße, Christian

    1. Hey Christian,
      freut mich, dass dir die Rezension gefallen hat. Und oh ja, da kann ich dir nur beipflichten: Bücher, die Kinder ermutigen, ihren Ängsten in die Augen zu sehen und sie mutig wegzublinzeln, gehören in jedes Kinderbuchregal. Spontan fällt mir das Buch „Mit einer Katze nach Paris“ von Angelika Glitz ein, das ebenfalls kleine Leser zum Thema Vorurteile und Ängste bedient oder „Good night stories for rebel girls“. Falls du noch einen Buchtipp für Mutige hast, freue ich mich auf deine Empfehlung.
      Liebe Grüße, Sonia

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