Tagebuch

BANG BOOM BELLEZZA!

2015 geht – hier, in Westdeutschland – mit einem sommerlichen Winter zu Ende. Das passt, in diesem Jahr, in dem die Welt Kopf zu stehen scheint. Vielleicht war es nur der sozialmediale Wirbelwind, der die kleinste Wurstmeldung wie einen Erdrutsch in den Newsfeed geschoben hat: BANG! Hitler nur einen Hoden! BOOM! Raab heult in letzter Sendung! BANG! Trump sagt was Menschenverachtendes! Schon wieder!


Dass SS-Buchhalter Oskar Gröning im Juli zu einer vierjährigen Haftstrafe verknackt wurde, machte als Eilmeldung die Runde. Das einzige Eilige daran – das, was die Justiz zum Handeln eher gezwungen, denn bewogen hat – war Zeitdruck seitens Gevatter Tod, der letzten Instanz. Für so etwas sollte die Textgattung Endlichmeldung etabliert werden. Irgendwo zwischen Eilmeldung und Nachruf – deutlich näher an Letzterem.

Bin vor kurzem erst über den Begriff „Anthropozän“ gestolpert. Das Zeitalter der Menschheit. Welch tragisch-schöner Begriff. Wie lange wird es anhalten, das Anthropozän?

In 2015 kam es mir mehr denn je so vor, als müsse jede, aber auch jede Nachricht als der heißeste Scheiß an den Leser gebracht werden – das journalistische Pendant zu Niedrigpreisen waren Wenigrecherchen. Oder Garnichtrecherchen. Erstmal raushauen. Erstmal in den Feed rutschen. Die Klicks abfangen. Tickern.

Dementsprechend überdeutlich und weltbildzertrümmernd war das mediale Echo auf Ereignisse, die unsere/meine kleine, westliche Kuschelnest-Welt wirklich erschüttert, bewegt oder zeitweise stillgelegt haben: Charlie Hebdo, Varoufake, German Wings, Flüchtlinge, die im Meer ertrinken, Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, Flüchtlinge, die nebenan einziehen, dann Paris. Flüchtlinge, die Angst haben. Und Anwohner auch. Ja, ich bin ein besorgter Bürger. Und als besorgter Bürger ist man plötzlich rechts. Irgendwie.

What the fuck passiert mit unserer Sprache!? Ich will nicht rechts sein, schon gar nicht am Rand, ich will mittendrin sein. Ich gehe ins Camp, ich lerne Syrer, Iraker, Nigerianer, Pakistaner kennen, auch weitere Deutsche, Sicherheitsleute, Sozialarbeiter, Helfer. Bin immer noch besorgt. Warum? Darum. Um es mit Ranger und dem Rücken zum Marterpfahl zu sagen: Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Nicht zufrieden. Mein Gemüt ist nicht zu-Frieden. Wegen zu vieler Sorgen. Ich bleibe besorgt. Ein besorgter Bürger. Keine Ahnung, welches das Unwort des Jahres wird, aber die Un-Konnotation, die steht für mich fest.

Und what the fuck passiert mit unserer Meinung? Jeder hat eine, klar. Unsere Hirne funktionieren so: Die Sinne mögen nichts rezipieren, ohne sich dazu eine Meinung zu bilden. Hörste was, siehste was, lieste was. Plöpp. Da isse. Deine Meinung. Man kann noch ein bisschen mehr lesen, um sich seine Meinung zu bilden. Wie einen Klumpen Ton im Töpferkurs.
Man kann den Klumpen natürlich auch ungebildet an die Wand klatschen. Das machen dieser Tage so viele, dass diese ungebildeten Meinungen selbst schon eine Wand bilden. Ich blick da nicht mehr durch. Irgendwo in dem Matsch stecken vermeintlich seriöse, fundierte Nachrichten, die Grundlage für Meinungsbildung sein wollen. Mir geht dabei das Bild von Zeitungsträger Helge nicht aus dem Kopf, der mir nassen Klumpatsch in Briefkästen quetscht. Den Meinungsbrei.

Was würde Kant in dieser unserer Gegenwart wohl predigen? Mehr denn je sein Lied vom allgegenwärtigen Unvermögen, den eigenen Verstand ohne Leitung eines anderen zu bedienen? Du liest. Der andere hat geschrieben. Vielleicht abgeschrieben, vielleicht umgeschrieben? Was war zuerst da – das Wort oder der Gedanke? Die Wahrheit oder die Lüge?

Ihr unterfordert mein Riesenhirn
Ihr schreibt Geschichte, wir diktieren“ – K.I.Z. (2014)

Wer nicht dumm ist, sagt Kant, ist entweder faul oder feige, wenn er sein Hirn nicht ohne Leitung eines anderen nutzen will. Nein, er sagt nicht Hirn. Er sagt ja Verstand. Meint einen Teil des Hirns. Ein Feature des Hirns. Die Fähigkeit des Menschen, zu denken und zu urteilen. Ein Urteil bilden. Da sind wir wieder. Suhlt man sich also bloß in bequemer Unmündigkeit, wenn man sich um’s Meinungsbilden herumstiehlt?

Kleiner Mann, was nun? Er weiß keine Antwort. Er will auch keine finden. Wer krampfhaft sucht, wird fündig, wird festhalten wollen am Gefundenen, wird womöglich nicht weitersuchen. Der kleine Mann hat seinen kleinen Job in seiner kleinen Stadt, hin und wieder eine Tiefkühlpizza, einen Film am Abend, die kleinen Freuden des Lebens und das große Glück, sie auskosten zu können. Der kleine Mann hat in diesem Monat „La Grande Bellezza“ und mal wieder „Bang Boom Bang“ gesehen (die Tour-Daten für 2016 stehen fest, by the way). Der eine huldigt Rom und die Schönheit, der andere Unna und den Trash. In Keeks Wohnung steht ein Jabba als Raumdeko rum. Na, wie aktuell ist das denn!? Im Kino tobt er doch gerade wieder, der Krieg der Sterne. Außerhalb des Kinos stellt sich die Gewissheit ein, dass sie utopisch ist, die Vorstellung von einem letzten Krieg. Die Studios werden immer wieder neue Remakes produzieren, die Staaten immer wieder neue Real-Schandtaten provozieren. Was soll man machen, außer heulen und lachen?

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