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Angst und Schrecken in Las Vegas | Buch und Film | Vergleich

Es war ein 9-von-10-Sterne-Film (in einem Web vor unserer Zeit, da es bei www.filmstarts.de noch 10 statt 5 Sterne gab). Wegen des hohen Ratings hab ich ihn mir damals wohl angesehen, vor über 10 Jahren, ihn nicht verstanden und blöd gefunden: Wann zur Hölle, fragte ich mich während des Films Fear and Loathing in Las Vegas, werden diese beiden Typen mal nüchtern, damit sowas wie eine Handlung beginnen kann? Heute bin ich zum Glück viel schlauer…

Alte Elefanten humpeln in die Berge, um zu sterben, alte Amerikaner begeben sich hinaus auf die Landstraße und fahren sich in riesigen Wagen zu Tode.

Der Trip ist der Trip ist der Trip

Der Trip ist die Handlung, der Drogentrip und der Las-Vegas-Trip, die zusammenfallen und ein buntes Spektakel ergeben. Von Beginn an sind der Journalist Raoul Duke und sein Anwalt Dr. Gonzo in Highspeed unterwegs und voll drauf, auf allem, was man so kriegen kann (inklusive frischer Adrenalindrüse zum drauf rumkauen). Das bleibt so, bis zum Ende, so viel sei verraten… als wenn es dazwischen etwas zu verraten gäbe: Bei dieser Geschichte geht es nicht um eine Entwicklung der Charaktere, nicht um einen Handlungsbogen oder dramaturgische Höhen und Tiefen. Es geht um ein Gefühl, das transportiert wird. Und das ist nicht angenehm.

…nach einer Weile lernst du mit Sachen wie dem Anblick der toten Großmutter fertig zu werden, die mit einem Messer zwischen den Zähnen dein Bein hochgekrabbelt kommt. Die meisten Acid-Liebhaber kommen mit sowas zurecht.

Wie gesagt, den Film hatte ich als Schmus in Erinnerung. Das Buch begleitete mich dann vor zwei Monaten bei einem Roadtrip durch Frankreich – in die Schlucht von Verdon, auf dem Weg dorthin ein Dorf verschlafener als das andere. Schien mir der richtige Kontrast, um mich noch einmal Las Vegas zu nähern, durch die Schreibe von Hunter S. Thompson. Fun Fact: Es wird behauptet, um seinen Schreibstil zu finden, habe Thompson »geübt«, indem er den Stil großer Meister kopierte, wortwörtlich – er soll ganze Bücher handschriftlich abgeschrieben haben. (Ich will ja nicht damit nerven, aber Hunter S. Thompson ist damit wieder einmal ein Beispiel für die 10.000 Stunden Regel.)

You know Hunter typed The Great Gatsby? He’d look at each page Fitzgerald wrote, and he copied it. The entire book. And more than once. Because he wanted to know what it felt like to write a masterpiece. – Johnny Depp

Nun, ist es ihm gelungen, das Meisterwerk? Gemessen daran, wie orientierungslos und degeneriert man sich fühlt, obwohl man stocknüchtern auf Seiten glotzt: ja. Thompson schubst den Leser in das Hirn seines Alter Egos Raoul Duke, ohne Distanz zu dessen abstrusen Gedankengut. Das ist rasant, das ist abwechslungsreich – und Terry Gilliam hat die Geschichte kongenial in bewegte Bilder übersetzt (und zwar sehr originalgetreu, im Gegensatz zum kürzlich besprochenen Krieg der Welten). Es ist auch gesellschaftskritisch, ja, aber diese Beobachtung wird für mein Empfinden zu sehr gefeiert: Die paar hellen Momente, die im Hirn des vollgedröhnten Tausendsassas aufblitzen, lenken den Fokus auf Offensichtlichkeiten seiner Zeit in einem drogengesättigten, kriegstreibenden, machtmissbrauchenden Amerika. War das eine besondere Zeit, weil die Leute hippere Klamotten und Blümchen im Haar trugen? Oder ist sie der heutigen Zeit nicht arg ähnlich?

Nachdem ich die Titelseite gelesen hatte, fühlte ich mich viel besser. Vor diesem abscheulichen Hintergrund verblaßten meine Verbrechen und wurden bedeutungslos.

Wenn man das Leben von Hunter S. Thompson betrachtet, erscheint Fear and Loathing übrigens gar nicht mehr so irre. Darum zu Abschluss, drei Stories rund um den Autor, die das Kultbuch zum Kindergeburtstag downgraden:

  1. Thompson hat Jack Nicholson zu dessen Geburtstag einmal einen legendären Gruß hinterlassen: Nachts strahlte er das Haus des Schauspielers mit Flutlicht an, schoss dabei mit einer Leuchtrakete und einer Knarre in die Luft und ließ das Gebrüll von Raubtieren über Lautsprecher abspielen. Zuletzt legte er das Herz eines Elches auf die Fußmatte, sodass das Blut unter der Tür ins Haus lief. Darin saß Nicholson mit seinen Töchtern und hatte – da er seit längerem von einem Stalker heimgesucht wurde – ziemlich Muffensausen.
  2. Hunter hat sich 2005 das Leben genommen, als Teil seines Planes, eingeascht ins Weltall geschossen zu werden – was dann auch so geschehen ist, mit einer riesigen Kanone, deren Spitze eine geballte Faust darstellt [kleine Doku dazu].
  3. Hunters Kumpel Oscar Zeta Acosta (Vorbild für Dr. Gonzo, den „samoanischen Anwalt“) verschwand im Jahr 1974, im Alter von 39 Jahren, spurlos. Das letzte, was dessen Sohn ihn am Telefon hatte sagen hören war, dass er gleich ein Boot voller weißem Schnee besteige. Letztes Jahr gedachte die NY Times dem Mann. Und apropos Presse, der hat Hunter S. Thompson in Fear and Loathing auch eine Art Denkmal gesetzt…

Ein Schlusswort aus Angst und Schrecken in Las Vegas

Die Presse ist eine Bande grausamer Schwuler. Journalismus ist weder Beruf noch Handwerk. Er ist nichts als ein billiges Asyl für Arschlöcher und Mißratene – eine blinde Gasse zur Kehrseite des Lebens, ein dreckiges, nach Pisse stinkendes Loch, auf Anordnung eines Bauamt-Inspektors zugenagelt, aber gerade noch groß genug für einen Wermutbruder, sich in einer Nische am Gehsteig zu verkriechen und sich einen runterzuholen wie ein Schimpanse im Zoo-Käfig. – Hunter S. Thompson, Angst und Schrecken in Las Vegas

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