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Äußere und innere Freiheit | Unterschied, Praktische Philosophie

Wie frei sind wir darin, eine Wahl zu treffen, dieses oder jenes zu tun? Oder unterliegen wir nicht vielmehr irgendwelchen Zwängen, inneren wie äußeren? Wie steht es um die Freiheit unseres Willens, wie vorbestimmt unser Leben? Der Gedankengang zu diesen Fragen rund um die äußere und innere Freiheit reicht aus unserer europäischen Perspektive über zwei Jahrtausende zurück.

Äußere und innere Freiheit im Wandel der Zeit

Es lohnt sich, den Gedankengang ein paar Meter zurück zu gehen, zu seinem Anfang und ein paar Meilensteinen. So lässt sich nachzuvollziehen, woher und wie weit es gekommen ist, unser heutiges Verständnis von Freiheit. Denn in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts soll jede*r frei sein, zu tun und zu lassen, was sie oder er mag, sofern das geltende Recht beachtet und die Würde der Menschen nicht angetastet wird.

Das steht in großem Kontrast zu der Gesellschaft vor rund 2500 Jahren, in der Antike. Griechische Stadtstaaten wie Athen sind die Geburtsstätte philosophischen Denkens in Europa – und auf diesem fußt unsere Verfassung. Doch in der Antike galt nur als frei, wer Bürger eines Stadtstaates war. Nicht etwa nur Besitz eines solchen Bürgers, also Sklave, oder dem Bürger anderweitig rechtlich unterstellt, also Kind oder Frau.

Eine Schwalbe fliegt in ihr Nest an einer Lampe, dazu der Text: äußere und innere Freiheit

 

Äußere Freiheit

Freiheit wird zu jener Zeit von außen verliehen und ist abhängig von den jeweils geltenden Gesetzen und Rechten. Dementsprechend ist zum Beispiel die attische Demokratie, also die Demokratie im alten Athen, in der Regel nur einer Wählerschaft von wohlhabenden Männern mit Bürgerrechten vorbehalten. Der berühmte Philosoph Platon ist ein solcher wohlhabender Mann, Mitglied der Oberschicht, aber auch: Kritiker des Systems.

Er erlebt, wie die Bürger Athens gegen seinen Freund und Lehrer Sokrates das Todesurteil aussprechen. Folglich verliert er den Glauben daran, dass der Staat, in dem er lebt, ein guter sei. Später ersinnt Platon einen eigenen, idealen Staat, entwirft ihn in seiner Schrift Politeia. Wenn er darin den Seelen, die in einem solchen Staat wohnen, eine Wahlmöglichkeit darüber zuschreibt, welches Los sie ziehen und was sie daraus machen, dann ist damit die innere Freiheit angesprochen. Bei Platon wird diese innere Freiheit bereits höher gewichtet, als es zu seiner Zeit üblich war.

Alles ist vorbestimmt

Jahrzehnte nach Platon gewinnt die Stoa an Bekanntheit. Das ist eine Schule und Denkweise, die scheinbar wieder zwei Schritte zurückgeht. Weg von der inneren Freiheit und sogar jener äußeren Freiheit, die von Gesetzen und Rechten vorgegeben wird. Die Vertreter der Stoa, Stoiker genannt, halten das Leben für vorbestimmt (also determiniert, sie vertreten den Determinismus). Auf die äußeren Gegebenheiten haben wir keinerlei Einfluss. Eines jeden Menschen Schicksal steht bereits bei seiner Geburt fest. Äußere Freiheit gibt es nicht. Im Gegenteil, wir sind gefangen in einem Räderwerk, aus dem es kein Entkommen gibt.

Und doch sehen die Stoiker in dieser Weltanschauung eine Möglichkeit zur Freiheit – und diese ist tatsächlich eine innere Freiheit. Wenn nämlich die Natur alles vorgibt, dann ist es nur vernünftig, ihre Macht anzuerkennen. In dieser vernünftigen Erkenntnis und Akzeptanz, den eigenen Willen zurückzunehmen und die Natur walten zu lassen, sehen die Stoiker innere Freiheit. 500 Jahre lang fand diese Lehre Anhänger, die sie weitertrugen.

Innere Freiheit

Die Idee vom Determinismus drängt sich auch heute, im 21. Jahrhundert, in einer neuen, fundierteren Dimension auf. Der sogenannte neuronale Determinismus hat es endgültig auch auf die innere Freiheit abgesehen. Demnach sind es die Interaktionen der Nerven in unserem Gehirn, die uns unseren Willen diktieren. Um es mit den Worten des Kognitionspsychologen Wolfgang Prinz zu sagen: »Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.«

Schöne Ballade dazu:

Mein Wille ist mein Findelkind, das seine eigenen Fäden spinnt. – Mine, Findelkind (2016)

Der Stoiker, der den Gang der Dinge freiheitlich akzeptieren will, akzeptiert den Gang der Dinge vielmehr auf ein Kommando seines Gehirns hin, und denkt dabei, es zu wollen – keine Freiheit, nirgends. Damit ist die Willensfreiheit, von der man so gern ausgehen mag, nur eine Illusion. Ein Nebeneffekt des neuronalen Feuerwerks zwischen unseren Ohren. Welche Auswirkungen diese Vorstellung auf Fragen rund um das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen hat, oder das Strafrecht einer Gemeinschaft – darin liegt der Zündstoff verborgen, der mit dem neuronalen Determinismus einhergeht.

Mehr als Fleisch und Knochen

Interessant ist eine Antwort des ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Winfried Hassemer, zu der Frage, ob das Strafrecht aufgrund der Erkenntnisse von Humanbiologen angepasst werden müsse, weil Straftäter nicht Herren über ihren eigenen Willen seien. Dazu wies Hassemer auf einen grundsätzlichen Kategorienfehler hin. Dieser bestünde darin, dass man nicht in derselben Sprache über biologische und soziale Phänomene sprechen solle. Biologen mögen es mit einem Konstrukt aus Fleisch und Knochen und kommunizierenden Nervenzellen zu tun haben, das sie homo sapiens nennen. Im Alltag interagieren wir jedoch als Personen mit Wünschen und Sorgen, Bedürfnissen und Namen wie Winfried eben.

Wir akzeptieren notwendigerweise eine Million Sachen als gegeben, die in der dinglichen Welt nicht wirklich zu finden sind. Den Staat zum Beispiel, seine Gesetze, die Währung, Kredite. Vieles von dem, was unser gemeinsames Leben ermöglicht, wurde von uns erdacht und existiert in einem anderen Spektrum, als unser körperliches Sein und dingliche Gegenstände. Thomas Sören Hoffmann weist in seiner Abhandlung über Freiheit darauf hin, »daß wir Begegnung primär gerade nicht als Erkennens-, sondern als Anerkennens-Akt vollziehen.«

Unser Könnensbewusstsein

Wenn mir die Nachbarin mit einer Axt entgegenkommt, erkenne ich: homo sapiens mit Schlagwerkzeug, ja. Aber vor allem bemerke ich sie als eine Person, die damit einen Baum fällen oder mich attackieren kann. Ich unterstelle der Nachbarin ein Könnensbewusstsein, weil es sich um einen Menschen wie mich handelt, der ich ein Könnensbewusstsein habe.

Es sei daran erinnert, dass ich als Mensch bekanntlich aus mehreren denkbaren Handlungsalternativen eine auswählen kann (siehe: Freiheit in der Praktischen Philosophie – Teil I), etwa, die Nachbarin nicht zu grüßen. Wenn sie mich daraufhin empört über die Ignoranz mit der Axt zerhackt und der Polizei gegenüber angibt, sie habe es getan, weil… dann gesteht sie damit ein, ebenfalls denkbare Handlungsalternativen im Hinterkopf gehabt zu haben.

Das Könnensbewusstsein betrifft bis hierher zunächst nur eine »Freiheit von… (etwas)« – zum Beispiel: frei davon, einem bestimmten Instinkt nachgehen zu müssen, wie Tiere es tun. Frei von allem, was man nicht tun muss, das nennt man negative Freiheit. Seine Meinung sagen zu dürfen, weil man frei von Zensur ist, fällt auch darunter. Ebenso, ein Angebot abzulehnen (es sei denn, dass man es nicht ablehnen kann, bekanntlich).

Diesen Blogbeitrag als Video gibt’s hier zu sehen:

Die Freiheit zu…

Positive Freiheit hingegen wird als »Freiheit zu… (etwas)« verstanden – und führt uns unweigerlich zur sogenannten »qualifizierten Freiheit«. Was es mit dieser auf sich hat, erörtere ich in dem Beitrag Freiheit in der praktischen Philosophie – Teil II.


Dieser Blogartikel basiert auf der Lektüre von Freiheit – Dimensionen eines Grundwortes der Philosophie, aus: Grundbegriffe des Praktischen, herausgegeben von Thomas Sören Hoffmann.

Als Student der Philosophie bin ich noch ein Neuling auf diesem ehrwürdig alten Gebiet. Falls dir Begriffe falsch gebraucht oder Ideen falsch vermittelt respektive verstanden scheinen, bitte nutze die Kommentarfunktion und korrigiere mich. Ebenso im Falle etwaiger Fragen, die wir gemeinsam erörtern können.

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