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Rehe im Schilf

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Die Autofahrt vom Süden her zum Schwedtsee hin führt durch idyllische Alleen, eine Auf- und Abwärtsfahrt durch bewaldetes Land. Vom Nordufer des Sees dann sieht man zur Linken den Ort Ravensbrück, ein Kirchturm sticht hervor, und am rechten Ufer eine hohe Mauer. Wer näher herangeht, sieht den Stacheldraht. Noch ein bisschen näher ran und man liest Ländernamen, die in metallenen Buchstaben an der Wand prangen: Albanien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Polen und mehr. Am Rande der Mauer, wo selbige zwischen Bäumen verschwindet, hängen Gedenktafeln für einzelne Personen und ganze Personengruppen. Es ist kein Friedhof, denn friedlich ruhen sie hier nicht, die Toten von Ravensbrück. Es ist ein Gedenkstätte.

Es war das erste Mal – nicht nur, dass ich dort gewesen bin, sondern dass ich überhaupt davon gehört habe, am vergangenen Wochenende. Den stärksten Eindruck hat eben dieser Moment hinterlassen, am Nordufer des Sees, zur Linken das Leben, zur Rechten der Tod. Ein KZ in Sichtweite zu einem Dorf. Wie ich dort stand, raschelte es aufmal neben mir im Schilf. Kein Frosch, kein Igel, etwas Größeres versteckte sich dort. Später sah ich drei Rehe hervorspringen und die Flucht ergreifen. Die hat es sicher früher schon gegeben. Rehe im Schilf, sattes Grün, schönes Wetter. Während meines Aufenthalts habe ich in einem der hübschen Häuser geschlafen, die unweit vom Ufer umgeben von Rasenflächen beeinanderstehen. Hat mich an ein österreichisches Feriendorf am Faaker See erinnert. Bloß, dass es die Häuser der KZ-Aufseherinnen waren, in denen wir geschlafen da haben.

Wir, das war für das Wochenende eine Deutsch-Japanische Gruppe, die im Rahmen einer Führung über das Gelände die Geschichte desselben erfuhr. Je rund 20 deutsche und japanische Teilnehmer zwischen 20 und 35 Jahren mit rundum unterschiedlichen Vorkenntnissen zum Dritten Reich und deutschen Lagern. Am Samstag jährte sich der Atombombenabwurf auf Hiroshima. Ehe wir dafür eine Schweigeminute einlegten, erzählte eine Teilnehmer aus Tokio, dass Japan sich seither – so ihr Eindruck – mehr in Opfer- als in Täterperspektive übe: Was haben wir erlitten? Statt: Was haben wir angerichtet? Dass jenseits von Deutschland im Geschichtsunterricht ungleich weniger über das Dritte Reich gesprochen wird, erscheint naheliegend. Jedes Land hat seine eigene Geschichte.

Vor einigen Tagen bemerkte Claude Lanzmann in einem Berliner Hotel, dass „Israel“ in der Liste der Vorwahlnummer nicht aufgeführt wurde. Er erkundigte sich nach dem Grund:

„Ein durchaus freundlicher Mann kam und sagte mir: „Monsieur, es macht mich glücklich, dass Sie diese Frage aufwerfen. Ich bin selbst Jude, es handelt sich bei der Maßnahme um eine bewusste Entscheidung der Direktion des Kempinski-Hotels, gegen die wir leider machtlos sind. […] Die Mehrheit unserer Kundschaft sind Araber, und sie haben verlangt, dass Israel gestrichen werde.“ Wie auf den geographischen Karten in Gaza. Israel existiert nicht.“ (veröffentlicht in der FAZ)

Nach dem Aufenthalt in Ravensbrück habe ich mir im Laufe der Woche „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ angesehen. Nach allem, was ich über die Judenvernichtung gehört, gelesen, gesehen habe, erscheint das Set dieser Miniserie von 1978 wie das einer Seifenoper – alles so sauber, eine seltsame Ordnung im Bildausschnitt der steifen Kamera. Die Ausstattung hat etwas theatralisches: Da stehen die Zäune, die Menschen tragen Lumpen und Uniformen, es gibt Koffer, Bücher, Waffen… aber es fehlt der Dreck. Es ist schrecklich, was diese Serie zeigt – das grauenhafte Schicksal einer zerrissenen Familie, kaum erträglich und doch scheint es gar „geschönt“ zu sein. Das möchte ich der Produktion nicht zum Vorwurf machen – es ist sicher dem Budget, der breiten Zielgruppe, der damaligen Technik, Produktionsabläufen, Konventionen geschuldet, was weiß ich. Zwischendurch schauen sich Nazis Schwarzweißfotos an, authentische Aufnahmen, die zeigen, dass alles so viel schrecklicher ausgesehen hat.

Doch was soll das Gerede von Aussehen? Da schwingt so eine oberflächliche, voyeuristische Schaulust mit, um die es doch gar nicht geht. Wichtig ist – und das hat die Serie „Holocaust“ meines Erachtens sehr, sehr gut gemacht – das Weitererzählen, das Erinnern, was, wie, wo passiert ist. Familie Weiß wird voneinander getrennt, wir folgen Mutter, Vater, Kindern auf ihrem jeweiligen Weg – nach Buchenwald, Hadamar, Theresienstadt, Auschwitz, aber auch Warschau und Sobibór, ein gescheiterter und der einzige gelungene Aufstand. Hier wird versucht, so sehr es in dem knappen Erzählformat eben geht, eine grobe Vorstellungen vom großen Ganzen zu geben. Die Hochrechnung muss man selber anstellen, von den Einzelschicksalen einer Handvoll Menschen zu sechs Millionen. Es sind auch dann immer noch Einzel-Schicksale, unfassbar viele Geschichten und Leben.

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Die Aussicht vom Nord-Ost-Ufer, die Mauer zum Lager im Rücken.

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