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Ergo: Dann gegen alles

Gestern schlenderte ich spätabends – auf der Suche nach Essen – an einem eingeschalteten Fernseher vorbei. Fasziniert blieb ich stehen, hatte ich doch just den Moment erwischt, da William Cohn in gewohnter Disstrack-Manier das Neo Magazin Royale ankündigte. Es ließ mich meinen Hunger vergessen. Jan Böhmermann im Hauptprogramm, das muss man sich doch auch mal geben. Und so sank ich mit einer gewissen musealen Faszination für dieses lineare Programm in den Sessel, um – Premiere für mich – Böhmi im TV zu sehen.

Randnotiz: Es vergehen Jahre, in denen ich kein Fernsehen schaue. 2016 ist keines davon, hat doch bereits am Karfreitag das TV-Programm meine Pläne gekreuzt und mich zum abhängen vor der Glotze verlockt, weil ein Freund im RTL-Adidas-Film „Duell der Brüder“ mitspielte. Spielfilmlänge genügte nicht, um meine Sehgewohnheiten wieder auf deutschen Fernsehfilm herunterzuschrauben. Nein, das nehme ich zurück. Ich kenne mich in der Landschaft zu wenig aus, um hier allgemein rumzupöbeln. Nur soviel, zu „Duell der Brüder“: Erstaunlich, wie schwarzweiß ein Farbfilm sein kann.

Anyway, das Neo Magazin Royale deckt sich für gewöhnlich ganz gut mit meinen Sehgewohnheiten. Also: Fernseher läuft, Vorhang geht auf, Jan kommt raus. Der blasse, dünne Junge mit der Staatsanwaltschaft im Nacken, weil er einen nicht so blassen, nicht so dünnen Jungen hart beleidigt hat. Im Sandkasten geht das klar, im Hauptprogramm offenbar weniger. Von Böhmermann sind wir Biss gewohnt. Wer alles mit Füßen tritt, muss über allem stehen, so in der Art. Wie reagiert er also, nach dem Wirbel um sein Gedicht, dessentwegen selbst die Kanzlerin telefonieren musste?

Er liefert eine ziemlich lahme halbe Stunde ab. Flache Witze, harmlose Ziele, Saarländer und Schweiger müssen mal wieder herhalten, Pointen sind rar, Cohns Praktikum-Einspieler fehlt es an Freshness (überdenkt mal das Konzept Beiträge, maybe?) und der Moderator selbst wirkt neben der Spur, unkonzentriert, schwach wie selten. Die ganze Zeit wartet der treue Zuschauer auf diesen einen Moment, den Strum nach dieser Ruderei. Kein Wort über den nicht so blassen Jungen und sein Gezeter… dieses hartnäckige Schweigen, das mich an Roche denken muss… und wieder geht der Vorhang auf. Na, quasi. Anne Will kommt von der Seite rein, nimmt Platz, auf in den Talk.
Und endlich, endlich passiert’s. Will spricht die Türkei an, Böhmermann weicht aus, seine Verunsicherung auf Maximum, mutet es an, Will bringt nochmal die Türkei ins Spiel, da liegt doch was im Argen…

Schließlich zeigt mir das Neo Magazin Royale etwas, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Mein bescheidener Mindestanspruch an die Sendung. Da sitzt man alle Jubeljahre mal vor dem Fernseher und prompt wieder das Lineare auf links gedreht. Hier, so:

Dafür, findet der Fernsehfremde in seiner Fachfremdniss, wäre doch glatt noch ein Grimme-Preis fällig. Sehgewohnheiten am Arsch, das Neo-Team rockt und rockt und rockt… mischt inceptionstyle die Hütte auf, reißt die Kulisse ein, Lynch lässt grüßen, Lola auch, Referenzen über Referenzen, Bild in Bild in Bild, hinter jeder Ecke eine Wende, bis am Ende eine runde Sachen draus wird, Schlusswort: „Die Wirklichkeit geht wieder los“, mit allem gegebenen Ernst gegen alle Ernsthaftigkeit – und heute nimmt Jan Böhmermann diesen Preis nicht an.

Dazu sage ich erstmal nichts. Im Nachhinein muss man ja doch alles revidieren.

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