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All der Fragen rote Faden

Vor knapp zwei Jahren, im Mai 2014, habe ich „Shoah“ erstmals gesehen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass >Shoah< jeden Zuschauer verändert. Man wird gewissermaßen von >Shoah< markiert“, sagt Regisseur Claude Lanzmann über diesen seinen Film und in meinem Fall kann ich ihm zustimmen: Für mich gibt es ein Davor und Danach, ein Immer-wieder-daran-denken, ein Nicht-mehr-loslassen. Damals schrieb ich:

Wie kann ich – 25 Jahre alt und in Deutschland aufgewachsen – nicht längst von diesem Film gehört haben? Wie kann es sein, dass ich ihn bis vor wenigen Tagen noch nicht gesehen habe? Und wie kann es sein, dass “Shoah” weder in den Top-Listen der Cahiers du cinéma oder IMDb zu finden ist, noch sonstwie auf etlichen Filmportalen groß in Erscheinung tritt? Filmstarts.de etwa – nach eigenen Angaben „das führende Online-Magazine rund um das Medium Film“ – rezensiert jeden Mist („Sharknado 1-3“), findet aber für „Shoah“ keine Worte.

Letzteres überrascht mich wenig, weil „Shoah“ kein klassischer Film, nicht einmal ein klassischer Dokumentarfilm ist. In seinem schieren Umfang, in seiner Konsequenz und unbestreitbaren Wichtigkeit erlangt Lanzmanns Werk den Status eines historischen Dokuments – die Washington Post schreibt vom „wichtigsten Filmereignis des Jahrhunderts“ und hat damit wohl recht.

Nichts hat das 20. Jahrhundert mehr geprägt, als Hitler und der Genozid, den er heraufbeschworen hat. Claude Lanzmann hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zeugen des Holocausts aufzuspüren und zu interviewen: Diese 9 ½ Stunden Interview-Film, die daraus hervorgegangen sind, stellen deshalb ein so einzigartiges Dokument dar, weil man diesen Film so heute nicht mehr machen kann. Wenn Lanzmann die Initiative nicht ergriffen hätte, wären all diese Menschen ungehört geblieben – was rückblickend eine Schande gewesen wäre. Ebenso, wie dass mir dieser Film in meiner Schullaufbahn nicht begegnet ist, denn:

Wie Roger Ebert treffend beobachtet hat, verändert „Shoah“ die vagen Bilder im Kopf. So erging es mir ebenfalls – auch wenn ich es längst nicht so gut in Worte zu verpacken vermag, wie Ebert (lest seine Rezension!): Meine naiven Vorstellungen davon, wie die systematische Judenvernichtung abgelaufen ist, wurden korrigiert und konkretisiert. Was es überhaupt heißt, sechs Millionen Menschen zu töten, die grausame, kühle Logistik, die dahinter steckt, die Entwicklung von der Idee einer „Endlösung“ bis zum geradezu industriell betriebenen Massenmord – um auch nur ansatzweise ein Bild davon zu bekommen, sollte man sich diesen Film ansehen, also vor allem: zuhören. Lanzmann interviewt Täter, Opfer und Zeugen, lässt sie ausreden, lenkt nicht ab, beleuchtet jeden Ort, jeden Vorgang von mehreren Seiten – und gewinnt dadurch sehr viel intensivere und detailliertere Eindrücke, als etwa Joshua Oppenheimer in seinem (dennoch ambitionierten) Film „The Act Of Killing“.

Erzählen gegen das Vergessen. Claude Lanzmanns „Shoah“ ist der schrecklichste und wichtigste Film, den ich je gesehen habe.

Nachtrag: The Guardian hat im Juni 2011 einen interessanten Bericht über Claude Lanzmann, „Shoah“ und dessen andauernde Relevanz veröffentlicht.

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Erinnerungen sind unser wichtigstes Gut. Ohne sie kennen wir nichts und niemanden in dieser merkwürdigen Welt.

Ja, der Text ist editiert. Genau so habe ich das damals nicht geschrieben. Da waren mehr Adjektiv drin (nach „Spotlight“ weiß ich ja, das Adjektiv ganz fiese, dumme, unnötige Wörtchen sind, die einen Text auf sperrige, lähmende, faule Weise aufblähen – zumindest habe ich das aus dem Subtext des Adjektiv-streichenden Globe-Herausgeber Liev Schreiber gelesen) und außerdem verwendete ich damals den Begriff „Holocaust“. Das möchte ich nicht mehr machen. Ich habe mich „Shoah“ dieser Tage wieder gewidmet, viel später, als ich es vorhatte, und in anderer Form – als Buch.

>Shoah< hätte niemals als Buch funktioniert
– Claude Lanzmann im Gespräch mit Max Dax, gelesen im Anhang des Buches „Shoah“, veröffentlicht vom Rowohlt Taschenbuch Verlag, Seite 301

Dieses Rowohlt-Buch ist wohlgemerkt genau genommen kein eigenständiges Buch, sondern ein Protokoll: Ein Wort-für-Wort-Protokoll des Films „Shoah“. In den Aussagen der Interviewten, erst recht nicht in den Fragen Lanzmanns, kommt das Wort „Holocaust“ nicht vor. Im anhängenden Dax-Interview erklärt Lanzmann, als er über den Titel „Shoah“ für sein Werk spricht, wie schwer es ihm viel, ein adäquates Wort zu finden. Und dass es ein Fehler gewesen sei, „dass die <Sache> zuvor mit dem ebenso unerträglich wie unheilvollen Begriff ‚Holocaust‘ besetzt wurde. Denn ‚Holocaust‘ bezeichnet im Hebräischen ‚Opfergabe‘ – als ob die Juden für irgendetwas geopfert hätten werden müssen!“

In einer Flüchtlingsunterkunft kam gestern ein syrischer Junge mit mir ins Plaudern. Er geht seit vier Monaten in Deutschland zur Schule, spricht inzwischen besser als all seine erwachsenen Mitbewohner die deutsche Sprache, und wollte mir erklären, was Ramadan ist. Wann wie lange auf was gefastet wird, so in etwa. Aber warum denn überhaupt fasten? „Weil Gott“, und Schulterzucken. Er ist ein Kind, kein Problem, Sinnfragen später. Dann erzählt er mir, dass er alle gern hat: Muslim, Christen, Buddha, egal. Außer Jews.  Ich frage ihn, ob er weiß, was in der deutschen Geschichte passiert ist – ob er den Namen Hitler kennt. Ja, der habe fünf Millionen Juden getötet. Sechs Millionen, sage ich, doch darum geht es in dem Moment nicht: Dieser Junge, dessen Familie vor ihrer Flucht nach Deutschland vor den israelischen Angriffen aus ihrer Heimat Palästina geflohen ist, hat – obwohl er Gewalt und Krieg aus nächster Nähe erlebt hat – noch bei weitem kein Bild davon, was es heißt, Millionen von Menschen systematisch zu ermorden. Und warum ermorden? „Weil Gott“, „Weil Geld“, „Weil Rasse“, „Weil Sonstwas“ – die Frage nach dem „Warum?“, die hat bei der Ergründung der Judenfrage (stellvertretend für alle Hassverbrechen) nichts zu suchen. Claude Lanzmann machte es sich einst zu seiner eisernen Regel, während der Produktion von „Shoah“, dem Werk über die Judenvernichtung, das „Warum?“ gar nicht verstehen zu wollen.

Unter dem frischen Eindruck von „Waltz with Bashir“ schrieb ich vor sieben Monaten:

„Man kann sich ein Leben lang vormachen, der Wahrheit auf den Grund gehen zu können. Bücher lesen, Orte besuchen, Interviews führen. Second Hand Memories ansammeln. Feststellen, dass es so viele Wahrheiten gibt, wie es Menschen gibt. Ach was, viel mehr. Warum existiert überhaupt eine Singularform des Begriffs „Wahrheit“? Wird Wahrheit nicht überbewertet? Warum machen mich Holocaust-Leugner dann so wütend? Es wird Zeit, dass ich mir „Shoah“ wieder anschaue – und damit, frisch im Gedächtnis, den Faden wieder aufnehme, den ich hier ausgelegt habe…“

Der Faden liegt noch da.

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