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Von Waffen und Worten

Vor vier Tagen schrieb ich noch über die Angst und gedachte der Attentate von Paris. Zitierte there is no terror in the bang. Schon am nächsten Morgen detonierte erneut eine Bombe in Istanbul. Heute dann hat der Terror Brüssel getroffen – und eine Freundin schreibt mir:

„Du hast mich letztens nach dem Sinn des Lebens gefragt. Jetzt frag ich Dich: Wie gehst Du mit all den Anschlägen rund um Deutschland um? Hast du Angst? Ein mulmiges Gefühl? Oder denkst Du nicht drüber nach, wenn du zum Beispiel einen Trip nach Berlin machst? Meidest Du Metropolen und sagst Dir >gut, dass ich in meiner Kleinstadt bin<?“

Wenn in Belgien ein Atomkraftwerk hochgeht, hat sich das mit meinem kleinen Städtchen in Westdeutschland auch erledigt… so mein erster Gedanke, nachdem ich wenige Stunden zuvor noch über die Evakierung des AKW in Tihange gelesen hatte, die letztlich keine war. In Folge dieses Gedankens landete ich über virtuelle Umwege auf der Wikipedia-Seite der Tschnerobylkatastrophe, recherchierte deren unmittelbaren und langfristige Folgen, schnupperte kurz rein in den offenen Diskurs darüber, wie hoch oder höher die tatsächlichen Opferzahlen denn nun sind und ließ Google Maps sogar die Entfernung zwischen Tihange und meiner Heimat berechnen.
Was, wenn nicht Angst, steckt als Antrieb hinter einem solchen Browserverlauf? Letztendlich muss ich mein schwarzweißes Bild von ganzen Wohnsiedlungen, die wie Kartenhäuser im Schatten eines Atompilzes dahingefegt werden, revidieren. Die Entfernung zu Tihange ist schlicht zu groß, denke ich. Also denn, keine Angst mehr?

Überhaupt möchte ich ja antworten, dass ich keine Angst, nicht einmal ein mulmiges Gefühl habe. Noch im vergangenen Monat unternahm ich einen Trip nach Berlin – und wie immer bestand meine größte Angst darin, dass auf der Autobahn der Wagen vor mir ins Schleudern gerät oder einfach nur ganz plötzlich in die Eisen geht (Tempolimit… diese eine Sache, bei der ich mich im Ausland irgendwie sicherer fühle). Die Wahrscheinlichkeit, im Auto zu sterben, ist nach wie vor x-mal höher, als der Tod im Flieger, erst recht der Tod bei einem Terroranschlag. Seelen wie die meine lassen sich mit solchen Statistiken beruhigen. Das mag blauäugig sein, mag naiv sein, aber wenn es ein Persönchen davor bewahrt, nicht in Panik zu verfallen
– kann das schaden?

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Als ich vor wenigen Tagen mal wieder „Magnolia“ und den Froschregen – biblische Plage oder doch nur meteorologisches Phänomen? – gesehen habe, drängte sich mir die Frage auf: Wer war denn nun zuerst da, Gott oder der Mensch, der Mensch oder sein Gott? | Bild: Filmstill aus „Magnolia“

Wenn ich tief in mich hineinhorche – und das habe ich heute getan, im Laufe dieses traurigen Tages – ist Angst wirklich nicht der Kern meines Kummers. Sie ist das erste, auf das ich reflexartig mein Gefühlschaos hin absuche, es ist die Reaktion, die wir voneinander erwarten, wenn wir uns in die Augen schauen, während sie im Radio von Bomben bei unseren Nachbarn berichten. Sie ist ja auch das, was die Täter in uns auslösen wollen, nehme ich an. Mit Täter meine ich nicht die Menschen, die sich selbst in die Luft jagen, sondern diejenigen, die sie soweit bringen, das zu tun. Die Drahtzieher, die Marionettenspieler. Was wollen sie wohl noch in mir auslösen? Angst ist eine Reaktion, die eine Reaktion erfordert – wegrennen, oder sich wehren. Wo sollte ich hinrennen, wenn ich doch schon dort bin, wo es mutmaßlich so sicher ist, dass all die Verzweifelten hierher flüchten? Wehren also, wehren gegen wen oder was genau? Die Männer, die Bomben zünden? Die Männer, die so aussehen und sprechen wie die Männer, die Bomben zünden? Ist es das – in den Medien viel erklärte – Ziel der Terroristen, dass ich mich endlich gegen die Flüchtlinge zur Wehr setze, stellvertretend für den Extremismus unter schwarzer Flagge? Auf Angst folgt Wut, denn damit wehrt es sich leichter – und natürlich bin ich wütend, möchte mich wehren oder wenigstens helfen, Wehr zu leisten. Ich dachte dabei zwar eher daran, meinen Job zu schmeißen und über eine Umschulung bei Polizei oder gar Terrorfahndung anzuheuern, als alle arabisch anmutenden Menschen Richtung Dawosieherkommen zu schubsen – aber das liegt wohl an meinem zaghaften Temperament.

Ja, ich habe in der einen oder anderen Flüchtlingsunterkunft schon den einen oder anderen Blick gestreift und mich gefragt, ob sich hinter dem einen oder anderen noch so freundlichen Gruß vielleicht doch eine Gesinnung versteckt, die all unsere Werte verachtet und nur auf den richtigen Zeitpunkt wartet, das zum Ausdruck zu bringen? Ich habe mich sogar schon in den munteren Runden mit Irakern und Syrern, die mir über die Monate wirklich ans Herz gewachsen sind, in den entspannten Stunden, in denen wir Instantkaffee getrunken, mal Arabisch, mal Deutsch gelernt und für meinen Geschmack völlig überwürztes Fladenbrot gegessen haben, dabei erwischt, wie ich diesen Jungs in die Augen schaue und mich frage: Lügt mich einer von euch vielleicht die ganze Zeit an und ist in Wahrheit so ein Schläfer, der nur aktiviert werden muss, um sein Lächeln ein- und den Sprengstoff auszupacken? Ich schäme mich für diesen Gedanken und das ist der einzige Grund, warum auf meine oberflächliche Angst oberflächliche Wut folgt. Beides verfliegt, weil ich weder echte Angst vor den Neuankömmlingen in unserer Mitte habe, noch begründeten Verdacht zu solcher Angst. Och nö. Jetzt habe ich, der ich es saublöd finde, wenn Terror und Flüchtlingssituation in einen Topf geworfen werden, genau das getan; man möge es mir nicht aus dem Kontext reißen.

Ich habe keine Angst und ich habe keine Wut. Beides kommt, beides geht, binnen Stunden nach einem solchen Gewaltakt, der nicht der letzte sein wird. Was bleibt, ist Traurigkeit darüber: Solange es Gewalt gibt, wird es Gewalt geben. Und damit meine ich nicht die Naturgewalt, die schon genug anrichtet mit ihrem willkürlichen geben und nehmen und zerquetschen und begraben und verschlucken und ausspucken von Leben. Ich meine die Menschengewalt. Eigentlich sind wir klug genug, zu erkennen, dass uns Waffen und deren Anwendung, Rache und deren Androhung, Töten und dessen Rechtfertigung auf Dauer nicht weiterbringt, sondern in eine Spirale zwingt. Individuen haben es erkannt. Ein paar von uns. Ein paar mehr. Viele. Es ist zumindest möglich, dass sich diese Erkenntnis – ich glaube, es ist die einzig richtige – irgendwann durchsetzt: Worte und nichts als Worte werden Frieden stiften, zwischen Menschen, die „Religion zur Privatsache“ erklären (Precht in der aktuellen Zeit), zwischen Ländern, die Grenzen zu Gartenzäunen machen und Nachbarn wie Nachbarn behandeln.
Auch mit Worten kann man scharf schießen, hart treffen, Schaden anrichten – doch den kann man wieder richten, mit Worten. Andererseits sind es anfangs sicher ebenso Worte, nichts als Worte, die aus Menschen Selbstmörder machen, die sich selbst und andere ins Verderben stürzen. Dann können Worte nur noch Trost spenden… oder Vergeltung schwören. Mit ausgestreckter Waffe fordern wir: Sprich! Mit aufgewühlter Stimme fordern wir: Krieg! Mir schwant, Worte sind doch nur immaterielle Waffen, doch nur Werkzeug, in deren Koffer die Lösung nicht zu finden ist… Individuen haben es erkannt, schreibe ich, meine mit es die Lösung und habe selbst keine Ahnung. Ich bin nur ein trauriger Mensch, der nicht weiß, wie seine Artgenossen davon abzuhalten sind, einander zu zerstören.

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